Die Reisegesellschaft.
Am 21. April reisten wir von Paris. Ein französischer Oberst in mittlern Jahren, der einer Wunde wegen, die er im Krieg bekommen hatte, hinkte, war ein angenehmer Gesellschafter. Er hatte sich nun zur Ruhe gesetzt, lebte friedlich mit Frau und Kindern in der Nähe von Verdun, und unterhielt sich damit, wie er sagte, der Schulmeister seiner Kleinen zu sein. Er zeigte mir alle die Stellen auf den Wegen, wo die Preußen im Jahre 1792 zurückgeschlagen waren, aber ohne Haß und Prahlerei. Er war lustig und jovial, ein brauner, hübscher, vierschrötiger Mann. Während wir im besten, ernsten Gespräch dasaßen, holte er einen Brummtriesel aus der Tasche hervor, und als eine Madame im Wagen (femme savante) ihn fragte, was es sei, machte er eine Bewegung, um zu zeigen, wie das Spielzeug gehe und zischelte mit dem Munde, wie es klingt, wenn der Brummtriesel auf der Erde singt. Er hatte alle Feldzüge mitgemacht und erzählte unparteiisch. Mitten in den blutigen Berichten wenn der Wagen schwankte und der gelehrten Frau bange wurde, streckte er die Hände, so wie im größten Schreck weit aus, und wenn sie ihm den Rücken zukehrte, machte er Grimmassen, wie ein Schuljunge in seiner Ausgelassenheit. Bertouch hatte seine Uhr in Verdun vergessen, und tröstete sich nun, indem er Zuckerwerk aus einer großen Tüte aß, die er sich daselbst gekauft hatte. Der altes Oberst versprach, der Uhr wegen zu schreiben, und hoffte, daß er sie ihm wieder schaffen würde, konnte es aber nicht unterlassen, mit ihm zu scherzen und zu sagen: „Da sitzt er wahrhaftig wie ein kleines Kind und nascht, um sich über den Verlust der Uhr zu trösten.“ Bertouch äußerte mir auf Dänisch sein Mißbehagen über diese Anrede, ich rieth ihm aber davon ab, einen von Napoleons Helden, der sich erbot, ihm eine kostbare Uhr wieder zu schaffen, eines gutmüthigen Scherzes wegen herauszufordern. Der Oberst schrieb nach der Uhr, und wir bekamen sie auch ganz richtig wieder. Ein anderer jüngerer Franzose, der in Polen, Deutschland und Spanien gewesen war, war sehr zuvorkommend und bescheiden, und als ich bei Tisch mit einem Stockfranzosen über französische Zustände disputirte, nahm Jener meine Partei und sagte: „Il faut dire la vérité: nous sommes peu de chose à présent!“ — Ein ganz junger Mensch von sechzehn Jahren stieg in St. Menehould in den Wagen, ein hübscher, großer Junge. Er hatte vor Kurzem ein kleines Amt oder dergleichen bekommen; denn er spielte mit einem Papiere in der Hand, und als wir ihn fragten, was es sei, sagte er: „es sei ein Posten, den er erhalten habe.“ Das war die erste Reise in seinem Leben. Seine Geliebte begleitete ihn an den Wagen. Es wurde ein rührender Abschied, obgleich nur auf zwei Tage genommen. Im Wagen erzählte er uns umständlich von seinem Vater, seiner Mutter, seiner Tante, seiner Schwester, seiner Cousine (seiner Geliebten). — So fuhren wir bald rasch, bald langsam. In der ersten Nacht kamen wir nicht ins Bett, das war eine harte Nuß. Am nächsten Abend waren wir in Chalons, an dem darauf folgenden in Metz.
Ankunft in Metz.
Die Gegend um Metz ist sehr schön. Eine Meile vor Metz liegt ein kleines Dorf, von Fruchtbäumen und Weinbergen eingeschlossen, ein wahres Paradies.
Es war ein fürchterlicher Wind; aber wir saßen geborgen. In der Nähe von Metz lag ein Pferd auf dem Wege. Es ist todt, sagte Bertouch. — „Ist es todt?“ rief der junge Franzose, „das glaube ich nicht.“ Bertouch versicherte es, und sagte: daß viele Bauern darum ständen. „Weinten oder lachten sie?“ fragte der Franzose. Er wollte daraus nämlich einen Schluß ziehen, ob Hoffnung sei, oder nicht.
In Metz fanden wir unsern Wagen, morgen reisen wir über Straßburg nach Tübingen.
Das Mißverständniß. Saverne.
Der Straßburger Münster. — Cotta.
Von Metz bis Straßburg sind 20 Meilen, wir beschlossen, 10 Meilen täglich zu fahren. In Bourdonnaye trafen wir ein Haus mit einem Wirth darin, aber es war kein Wirthshaus. Fünf, sechs Leute standen vor der Thür und sahen zu, wie Christian den Wagen abpackte; Bertouch und ich hielten Wache. Wir bekamen eine finstere Kammer mit einer zerbrochenen Fensterscheibe. Der Wein schäumte wie Bier. Als ein altes Frauenzimmer Spiegeleier auf den Tisch setzte, glaubte ich, Brigitte in der Räuberburg leibhaftig zu sehen. Am nächsten Morgen stürmte und schneite es, als wir abfuhren. Endlich hörte das Schneegestöber auf, und durch die Wolken blickte der blaue Himmel. Wir kamen in ein Dorf und sahen schöne, große, grün bewachsene Felsen mit mächtigen Burgruinen. Ich rief Christian, der auf dem Bocke saß, zu, er solle den Schwager fragen, was das für eine Ruine sei; Christian antwortete „daß es zu einem Grabe gehöre,“ woraus ich dann den richtigen Schluß machte, daß ihm gesagt worden sei, es habe einem Grafen gehört. Die zwei hohen Berge lagen von einem dünnen, blau-weißen Nebel umgeben; die übrige Landschaft war nebelfrei. Wir näherten uns dem Dorfe, das malerisch mit seinen rothen Dächern bisher den muntern Vordergrund der melancholisch-großen Landschaft gebildet hatte. Wie heißt dieser Ort, fragte ich. Savern! antwortete der Kutscher. — Plötzlich stand Schiller's herrliche Romanze: „Ein frommer Knecht war Fridolin“ vor meiner Seele. Und nun wurde mir die finstere Burgruine in der Luft und der schwarze Tannenwald noch einmal so bedeutungsvoll. Ich sah die schöne Gräfin von Savern und ihren wilden strengen Gatten. Wir kamen an der Kirche vorüber, wo Fridolin sich aufgehalten hat. Dort im Walde stellte ich mir die Höllenknechte, das Feuer anschürend, vor, in das das Ungeheuer selbst gestürzt werden sollte. Eine leichte weiße Wolke fuhr an den finstern Wolken rasch vorüber und verschwand hoch im Himmel über den Bergen. Da glaubte ich den Geist des unsterblichen Schiller zu sehen, und starrte ihm begeistert nach. — Der Wagen hielt und die Pferde wurden gewechselt. Ich war wieder das Kind des Augenblicks. Mir froren die Füße, ich war hungrig, langweilte mich darüber, daß es so langsam ging, und statt an Schiller's herrliche Romanze zu denken, dachte ich an Herrn Holbein's Schauspiel über denselben Stoff. — Nun wurde das Wetter milder, und als wir wieder an ein kleines Dörfchen kamen, war der Himmel klar, ruhig und blau. — Wenn man Tag und Nacht reist, vergißt man leicht das Datum; aber aus der Ruhe auf der Straße, und den geputzten Kleidern, in denen Mädchen, Frauen und Kinder uns begegneten, schlossen wir, daß es Sonntag sei, was auch wirklich der Fall war. Während ich so da saß und an den schönen Sonntag, an das lebendige freundliche Idyll dachte, das ich kurz vorher in dem Dorf gesehen hatte, wozu die Felsentragödie dort im Sturme ein schöner Gegensatz gewesen war, — erhob Straßburg in der Ferne seinen feierlichen Thurm vor meinen Augen. Aber gerade, wie wir in die Stadt einfuhren, brach wieder ein Ungewitter los. Ein wilder Orkan pfiff durch die kühnen Thurmlöcher, und wir fuhren in ein gutes Gasthaus, während der Riese draußen dem Schnee und Wind trotzte, und ebenso jugendlich dastand, als damals, wo Göthe in seiner Krone Rheinwein trank. Es ist von Göthe so viel Schönes über den herrlichen Münster gesagt worden, daß jeder Zusatz überflüssig wäre. Ich stieg in den Thurm hinauf, aber nicht so hoch, als damals, wo ich noch Junggeselle war. Der Thurm ist so hoch, so schmal, endlich so von Oeffnungen durchbrochen, daß man gleichsam in einem schwachen Gitterwerk hoch in der Luft schwebt. Man fürchtet nicht selbst hinabzufallen; denn man kann sich ja anhalten; aber man hat die Empfindung, daß möglicher Weise der Thurm in einem solchen Augenblick herabstürzen könnte. In dem Glockengewölbe entdeckte ich die Namen: „C. u. F. Comtes de Stolberg. Göthe. Lenz u. s. w. 1776.“ Ich wandte mich an den alten Thurmwächter, bezahlte ihn für meinen langen, fast das ganze Alphabeth umfassenden Namen, und bat ihn, denselben gerade unter den Göthe's einzuhauen.