In Stuttgart traf ich Cotta als Geheimen Hofrath unermüdet, bleich, mager, voller Feuer beweglich, gesund und fleißig. Wir hatten eine kleine Rechnung mit einander abzumachen, und ich neckte ihn freundlich, daß er, der reiche Mann, so genau wenige Groschen nachrechnete. „Lieber Freund!“ sagte er lächelnd, „hätte ich nicht auf die Groschen gesehen, wäre ich kein reicher Mann geworden.“ Hier in Württemberg ist aller Augenblicke ein Reichs- oder Kreistag. Der Minister Wangenheim steht mit Cotta und Andern der öffentlichen Meinung gegenüber; er will zwei Kammern haben und das Volk nur Eine. Jüngst schlugen einige Volksvertreter Wangenheim die Fenster ein; aber er sagte, wie Fichte früher zu den Studenten: „Ein Steinwurf ist ein sehr schlechtes Argument.“ Aber obgleich nun Wangenheim an gewissen aristokratischen Elementen zum Besten des Staates, seiner Ueberzeugung nach, festhält, so ist er doch so fern von thörichtem Adelshochmuth, daß er, obgleich Excellenz und ein Mann von feinstem Weltton aus Neigung in seinem Privatleben fast burschikos ist. Der junge Dichter Rückert ist sein Duzbruder. Einen langweiligen Kammerherrn mit einem Zuschnitt aus der vieux bon-temps, den Wangenheim nicht leiden konnte, wußte er vor Kurzem aus einer Dichter- und Künstlergesellschaft, in die derselbe sich eingeschmuggelt hatte, zu bringen, indem er ihm gewissermaßen die Thür wies. Wangenheim stand sehr höflich bei Tisch auf, hielt eine Rede an ihn, in der er ihm bewies, wie wenig er in unsere Gesellschaft passe. Als wir Abends die Gesellschaft verließen, machte der Minister, der mit mir Arm in Arm allein ging, da wir in ein interessantes Gespräch gekommen waren, den Vorschlag, ob wir nicht in ein Wirthshaus gehen, und eine Bowle Punsch trinken wollten. „Ja,“ antwortete ich, „wenn Ew. Excellenz können, kann ich es auch!“ „Ach,“ rief er, indem er mit dem Kopfe schüttelte und weiter ging, „die verfluchte Excellenz!“ Er war ein Vetter des Bischofs Münter, dessen Mutter „eine Edle von Wangenheim“ war, wie meine Freundin, Frau Brun, in ihrer Biographie schreibt.
Wangenheim. Rückert.
Rückert ist außerordentlich altdeutsch gewesen. Das hat sich Etwas gelegt und er zeichnet sich in seiner Kleidung nicht mehr von Andern aus. Er dichtete mir zum Abschied folgendes Sonnet:
Gen Süden kam vom nord'schen Meeres Sunde,
Ein edler Vogel des Gesang's geflogen,
Der, wie er dän'sche Luft hat eingesogen,
So laut doch singen kann mit deutschem Munde.
Es fühlte gleich sich in der ersten Stunde
Mein Herz zu ihm entschieden hingezogen;
Und, ist mir sein's wie meines ihm gewogen,
So bleiben wir fortan die Zwei im Bunde.
Ist er vom raschen Flug zu seinem Norden
Nun heimgekehrt, und ich bin fern im Süden,
So soll des Raumes Trennung uns nicht stören;
Dazu ist uns die Kunst des Lied's geworden,
Die wollen wir so brauchen ohn' Ermüden
Daß Einer soll des Andern Nachhall hören.
Uhland. Frau Huber. v. Küster.
Ein anderer junger Dichter, Uhland, lebt hier als Advokat. Es freute mich, seinen Fortschritt zu bemerken, vor zehn Jahren sah ich ihn noch als ein halbes Kind. Man macht viel aus ihm und er verdient es auch gewiß; aber wie bei Rückert zu viel Blühendes ist, so findet sich bei Uhland etwas Steriles; er ist männlich, ehrlich, zuweilen tieffühlend, aber oft trocken und gleich dem Ton seiner Gedichte zu sehr Göthe. Ich besuchte Uhland mit Rückert, was ich nicht gethan haben würde, wenn ich ihr Verhältniß zu einander gekannt hätte; sie gehörten zu verschiedenen politischen Parteien und das machte die Unterhaltung gespannt und verlegen.
Ich habe die Bekanntschaft der Frau Huber gemacht, welche einige gute Erzählungen geschrieben hat. Ihr erster Mann war Georg Forster, der herrliche Reisebeschreiber. Sie brachte mich in Kannstadt zu einer Freundin. Auf dem Heimwege verirrten wir uns in einem interessanten Gespräche zwischen den Weinbergen Schwabens.