Ich gestand Schelling, daß ich wohl seine Hauptgedanken und seine Weltanschauung durch Steffens kenne, daß ich aber nicht viel von ihm gelesen habe, und daß es die Sprache und die Ausdrucksweise sei, die mich davon abgehalten habe. „Ich schreibe nun auch Deutsch,“ sagte ich, „weil ich gern von einer großen Brudernation gekannt und gelesen sein will, und nicht verlangen kann, daß sie eine Sprache lernen soll, die nur von ein paar Millionen Menschen gesprochen wird; aber, lieber Herr, es kann doch noch weniger verlangt werden, daß man eine schwierige Sprache lernen soll, die nur von Einem gesprochen wird!“ Schelling lächelte und gab mir Recht; er gestand zu meiner Verwunderung, daß man mit Deutlichkeit und Klarheit in seiner eignen Sprache denken und sich aussprechen müsse; daß er als junger Professor wöchentliche Vorlesungen hielt, dem alten Schlendrian in der Redeweise gefolgt sei, obgleich er in seinen Ideen so sehr von demselben abwich; und er versicherte mir, daß ich Das, was er fernerhin schreiben würde, mit Leichtigkeit würde lesen können. Ich versprach es ihm und entwickelte ihm mit wenigen Worten meine Lebensphilosophie. „Sie haben eine gesunde und brave Lebensansicht,“ sagte er, meinte aber doch, daß man weiter gehen könne.


In der Gemäldegalerie erfreute es mich ganz besonders, mehrere herrliche Bilder des spanischen Malers Murillo zu finden. Kein Gegenstand ist für Murillo zu hoch oder zu niedrig. Was von Tasso bei Göthe gesagt wird, paßt sich gut auf ihn: „Oft adelt er, was uns gemein erschien.“


Weiterreise.

In entsetzlicher Hitze und Staub reisten wir den ersten Tag über Hohenlinden (wo es Moreau's Feinden früher heißer noch wurde) nach Altötting. Wir wollten bis nach Braunau, aber ein starkes Gewitter zog herauf und ein Wagen, der uns von München aus gefolgt war, blieb aus Furcht vor dem Ungewitter in Altötting schon um 7 Uhr Abends. So blieben wir also auch da und kamen in einen alten Saal, wo sechs Betten standen und ein messingener Kronleuchter an der Decke hing. Die Fensterscheiben waren wie in einer Kirche in Blei gefaßt. Auf der einen Seite des Saals war eine hölzerne ungemalte Galerie mit einer Treppe. Wir öffneten die Fenster, zogen unsere Röcke und Stiefeln aus, machten uns aus zwei Stühlen ein Sopha und lasen in einigen Musenalmanachen, die man uns in Stuttgart verehrt hatte. Unsere unbekannte Reisegesellschaft war im andern Zimmer, sprach Französisch und zuweilen etwas Italienisch. Es war ein Herr und zwei Damen. Sie gingen in die Kirche hinüber um ihre Andacht zu halten. Das Mädchen, welches den Tisch deckte, erzählte, daß eine Kirche da sei, zu der Viele hinreisen, um ihr Augenlicht wiederzuerlangen, und fragte, ob wir nicht auch hingehen wollten? Wir dankten und sagten: „Da wir hier sitzen und lesen, kannst Du wohl sehen, mein Kind, daß wir nicht blind sind.“ — Die Fremden kamen zurück. Der Herr verirrte sich, als ich gerade im tiefen Negligee stand, um ins Bett zu gehen. Er trat ein und redete mich sehr vertraut Französisch an. Wahrscheinlich hielt er mich für ein Frauenzimmer, welches beweist, daß er die Kirchenkur noch nicht ordentlich gebraucht hatte. Kaum ertönte meine Baritonstimme, als er die Hände auf die Brust legte, sich verbeugte und viel Entschuldigungen machte. Ich begleitete ihn im Hemde sehr höflich zur Thür hinaus und wir machten uns auf der Treppe viel Complimente.

Den nächsten Tag hatten wir tüchtigen Regen, durch den die Bäume ausschlugen, das Leder aber auf unserem Wagen einkroch. Es war schade, daß Christian nicht auch zusammenschrumpfen konnte, denn er saß draußen auf dem Bock und wurde durch und durch naß. Wir reisten über Braunau, Altheim, Ried, nach Lambach, wo es schlecht war und wir elende Betten bekamen, da unsere unbekannte Reisegesellschaft die besten erhalten hatten. Hier hörten wir, daß es die Churfürstin Witwe von Baiern, eine österreichische Prinzessin sei, mit der wir reisten, das machte uns etwas verlegen. Wir waren oft in der Thür vor ihr vorübergegangen, ohne sie anders zu grüßen, als indem wir den Hut lüfteten. Aber da Ihre Hoheit incognito reiste, so war auch hierdurch ihre Absicht erreicht. Doch beschlossen wir fernerhin nicht voran, sondern hinterher zu fahren und ehrerbietig in der Entfernung zu grüßen. Nun konnte ich auch die Entschuldigungen und die Alteration des Herrn begreifen, als er sich letzthin irrte. Es war nämlich ein Kammerherr. Man denke sich seine Bestürzung, als er statt schöngekleideter Damen einen halbnackten Poeten fand.

Am dritten Tage war schönes kühles Wetter. Alles war frisch und grün. Das schlaffe neugeborene gelbe Laub hing matt in dicken Büscheln an den Zweigen und saugte die Sonnenstrahlen ein, um größere Kraft und grünere Farbe zu erlangen. Wir fuhren an einem Abgrunde hin. Das Land ist voll der schönsten Berge. Herrliche Aussichten auf Dörfer, Städte und Kirchen, die tyroler Schneefelsen im Hintergrunde. Morgens und Abends ging ich stets eine lange Strecke.

Ein Incognito.

Im Wirthshause in Kleinmünchen bekamen die Churfürstlichen die Lust zu wissen, wer wir seien. Die Dame fragte Christian darnach, und er erzählte es in seinem Patois, sodaß sie gewiß eine sehr verwirrte Idee von unserer Existenz bekam. Wir hielten uns stets entfernt; aber am vierten Tage wurden wir doch mit der Herrschaft bekannt und zwar durch folgendes Abenteuer. — In einem kleinen Dorfe vor einer Schmiede wurden unsere Pferde scheu, weil sie unvermuthet zwei Esel vor einer Karre sahen; sie sprangen zur Seite, und knack brach die Wagenstange wieder entzwei! Bertouch wurde ungeduldig, ich aber stellte ihm vor, daß wir froh sein müßten, daß es nicht mitten auf dem Wege, am allerwenigsten bei dem Abgrunde — sondern gerade vor einer Schmiede geschehen sei, wo bereits das Eisen glühte, das die Wagenstange wieder fest machen sollte. Während nun der Schmied mit seinem Handwerkszeuge kam, stiegen wir aus und gingen den Weg entlang. Da rollte die Churfürstin an uns vorüber und grüßte uns. „Sie ist glücklich,“ sagten wir, „sie hat einen ganzen Wagen. Wir kommen nur langsam nach.“ — Unter diesen Betrachtungen schlugen wir unsere Augen auf und sahen weit hin den Wagen der Churfürstin halten, und die Herrschaft uns zu Fuß entgegenkommen. „Was Teufel!“ dachte ich — „ist ihr Wagen auch gebrochen?“ — Eins der Räder hatte Feuer gefangen. — Nun erwiesen wir uns sehr dienstfertig, machten Entschuldigungen, weil wir Ihre Hoheit so lange nicht erkannt hatten, und darauf lief ich zum nächsten Dorfe um Wasser zu holen. — Nach einer Viertelstunde brachte ich einen Mann mit einem Eimer auf dem Kopfe herbei. Der Kammerdiener kam uns entgegen und sagte: es sei nicht mehr nöthig. Der Mann goß das Wasser aus und ging wieder. Wir kamen zum Wagen — das Feuer dachte gar nicht daran aus zu sein, das Eisen glühte. Die Churfürstin kam auf mich zu und dankte mir. Auf dem Wege hatte ich eine Pfütze gesehen; ich nahm die leeren Weinflaschen aus ihrem Wagen füllte sie mit Pfützenwasser, und begoß das Eisen so lange bis es kalt wie Eis wurde. Inzwischen kam der Diener mit Licht — das heißt: mit Talglicht um den Wagen zu schmieren; denn die Sonne stand hoch am Himmel. Und nun fuhren sie langsam zur nächsten Station und wir mit unserem in Stand gesetzten Wagen hinterher.