Ich habe bereits erzählt, daß ich noch nicht den schönen Saal gesehen hatte, der im Augarten zur Verlobung der Prinzessin mit dem Kronprinzen von Brasilien gebaut war.

Letzthin war da nun auch ein Ball für das Volk, damit es doch auch Ragout von dem Braten bekäme, welchen der Hof kurz vorher gehabt hatte. Da war ich dabei. Unglücklicherweise waren mehr Leute aus den Vorstädten als aus der Stadt da, besonders vom schönen Geschlecht, das an diesem Abend ziemlich unschön war. Das Haus stand da: ein schöner griechischer Tempel, eine Rotunde voller Kronleuchter, weiß wie Alabaster, mit unzähligen Säulen, Seitengängen und Nebensälen. Die Tische voll von — Blumen und leeren silbernen Terrinen; die Speisen selbst wurden sehr langsam herbeigeschafft. Es war kaum ein Diener bei jedem Tisch. Hier in Wien gehen sehr komische Menschen an öffentlichen Orten und den Schauspielhäusern mit Erfrischungen umher. Sie sind wie Vorreiter gekleidet, und tragen Hüte mit Aufschlägen und Federn. Aber man kann sich nichts Zerlumpteres denken; sie sehen wie Don Ranudo's Diener aus. Die Federn an ihren Hüten sind so schmutzig und klebend, daß man nicht weiß, wofür man diese Gestalten halten soll. Sie gleichen schlecht ausgestopften, staubigen und verdorbenen Vögeln in einem Naturalienkabinet. Mit diesen Federhüten auf dem Kopf, mit diesem halben Bereiterflitter schreiten sie mit ungeputzten Wasserstiefeln langsam dahin. Man begreift nicht, was das Costüm bedeuten soll, was sie mit dem Federputz auf dem Kopfe wollen, um „Gefrorenes“ zu verkaufen.

Heute Abend hier im Tempel des Augartens war es ganz anders. Sie sollten Lakaien vorstellen, und gingen deshalb in alten rothen Theaterlivree'n, mit alten abgenützten Tressen umher, aber es war sehr schwierig, eine dieser Gestalten zu erwischen; und wenn man auch mit Einem sprach und etwas verlangte, so bekam man es doch nicht. Endlich wurde ich ungeduldig. Ich saß gerade bei meinem guten Freunde Breuß, der hungrig war. Ich gedachte der Wohlthaten, die ich in seinem Hause genossen hatte; mein Herz wurde gerührt; ich drängte mich durch den Schwarm hindurch in die Küche bis an den Heerd, half der Köchin etwas Spinat auf das Fricandeau legen, schlug mich fast in der strengsten Bedeutung des Wortes mit einem Lakai um eine Portion Kalbsbraten. Er: „Doa's ist für einen anderen Herrn bestimmt; euer Gnoad'n könn's nicht hoab'n.“ Ich: „Ich will es haben, ich habe lange genug gewartet.“ Damit nahm ich meine beiden Teller, reichte sie einem anderen, mir mehr ergebenen Lakai; und nun ging ich im Triumph wieder nach dem griechischen Tempel zurück und hatte die Freude, einmal meinen gastfreien Wirth zu bewirthen, der sich über meine Gewandheit Lebensmittel herbeizuschaffen wunderte.

Mit dem Tanzen wollte es nicht recht gehen. Ein paar galante Herren mit Handschuhen walzten mit einem paar Damen. Man erkannte in Einzelnen dieser Nobili Venetiani Ladendiener und die anwesende beau monde hielt sich zurück. Der Erzherzog Rainer ging umher, blickte freundlich auf die Leute, und ein Fourier ging voran und machte Platz für ihn.


Kloster-Neuburg.

Mit dem Baron Retzer, einem ältlichen Dichter und Büchercensor, habe ich eine Reise nach Kloster-Neuburg gemacht, das schön an der Donau, anderthalb Meilen von Wien liegt. Es existirt davon folgende Sage: Der Markgraf Leopold IV. hatte ein Schloß auf dem Kahlenberg. Einmal, als er mit seiner Gattin Agnes am offenen Fenster stand, riß ein Windstoß ihr den Schleier vom Haupte und trieb ihn weithin in den Wald, so daß sie ihn aus den Augen verlor. Ein paar Jahre darauf war der Markgraf in demselben Walde zur Jagd. Plötzlich beginnen seine Hunde zu bellen und zu heulen. Er folgte ihnen und sieht sie um einen Baum versammelt, an dem er einen Schleier fand, den er als den seiner Gattin wiedererkannte. Der fromme Leopold, der lange die Absicht hatte, ein Kloster zu bauen, ohne mit sich über den Platz einig werden zu können, betrachtete dieses Ereigniß als einen Wink des Himmels und ließ das Kloster bauen, wo der Schleier hing.

Der Prälat Herr Gaudentius hatte den Baron Retzer mit seinen Freunden eingeladen, bei ihm Mittag zu essen. In den prächtigen Zimmern wohnen nun die Augustiner. Wir gingen fast durch alle. Die Tapeten waren der Ehrbarkeit und der Conservation halber mit weißer Leinwand überhangen. Die parquettirten Fußböden waren sehr schön gebohnt. In dem letzten Zimmer trafen wir den Prälaten in seinem schwarzen Rocke, mit einem kleinen weißen herabhängenden Bande vorn und hinten und mit einem Sammtkäppchen, das er, uns freundlich grüßend, lüftete. Aber der arme Herr Gaudentius hatte Zahnschmerzen. Er zeigte uns die Zimmer, die Aussicht ist schön auf dem Kahlenberge und man sieht viel Weinberge und Windungen der Donau. Nun mußten wir mit einem andern Bruder hinausgehen, um das merkwürdige Gebäude zu sehen. Wir speisten bei dem Prälaten in einem Zimmer, wo unser König auch einmal gespeist hatte. Es waren noch fünf andere Geistliche da. Ehe man sich setzte, wurde stillschweigend gebetet, und Herr Gaudentius ertheilte den Segen auf eine, wenn ich so sagen darf, flüchtige und bescheidene Art, wie wenn man weiß, daß Fremde (Ketzer) zugegen sind. Die geistlichen Herren waren vernünftige Leute und fast liberal. Wir sprachen vom Dichter Werner, der hier den ersten Anstoß zu seiner Bekehrung erhalten hat; d. h. durch sich selbst, nicht durch die Mönche; denn er aß hier mit einem vortrefflichen Schauspieler Rose, (so tolerant sind sie) und Rose hat mir versichert, daß Werner sich ganz auf eigene Hand in den dritten Himmel versetzt fühlte.

Die größte Einnahme des Stiftes besteht in Wein, der in ungeheuer großen, aus drei Etagen bestehenden Kellern aufbewahrt wird. Unter Anderem soll sich daselbst ein Faß befinden, welches 999 Eimer faßt; also eine Schwester des Heidelberger.

Die Kirche, welche alt ist, bekamen wir nicht zu sehen. Hier bewahrte man den Schleier auf, der der Frau Markgräfin vom Kopfe geweht war, und einige kostbare Becher, unter Anderen einen aus Goldstaub, den man in der Donau gefunden hat, gefertigten.