Ich wußte, daß ich von dem Kreise, der mir das erste Mal so lieb war, nämlich von der Körnerschen Familie, zu der ich täglich als Hausfreund kam, nicht einmal Ueberreste finden würde, denn der alte Körner war mit seiner Frau nach Berlin gezogen, nachdem er einen solchen Sohn, wie seinen Theodor, eine Tochter wie seine Emma verloren hatte.
Der erste, mit dem ich hier am Mittagstisch im „goldenen Engel“ Bekanntschaft machte, war der Capellmeister Maria von Weber, der sich meiner aus Stuttgart v. J. 1809 erinnerte. Er ist ein beredter, witziger und freundlicher Mann. Er führte mich in die Vorlesung des Hofrath Böttiger, über die Kunst des Alterthums. Der alte muntere Böttiger empfing mich freundlich, umarmte und küßte mich mehrmals mitten im Auditorium vor allen Zuhörern, wodurch ich etwas verlegen wurde; darauf bat er mich Platz zu nehmen und begann. Ich hörte eine Vorlesung von ihm über die verschieden Arten, wie die Griechen plastisch gearbeitet hätten; in Erz, gebranntem Thon, Marmor und endlich, was man für das Wichtigste und Schönste hielt, in einer Verbindung aller harten Stoffe, die (weil Gold und Elfenbein das Wichtigste dabei waren) Chryselephantine genannt wurde. Er ließ das Bild einer Minerva umhergehen, an welchem man sah, daß das Nackte Elfenbein gewesen war, der Panzer und Helm Gold, und das Gewand schöne Blumenemaille, im Uebrigen Alles reich mit Edelsteinen besetzt. Wie die Zusammensetzung gemacht wurde, darüber sind die Gelehrten noch uneinig.
Dresden. Sammlungen.
Das grüne Gewölbe habe ich gleich den ersten Nachmittag, den ich hier war, besucht, und wunderlicherweise sah ich es das letzte Mal, als ich in Dresden war, gar nicht, wahrscheinlich aus dem Grunde: Du kannst es ja noch immer zu sehen bekommen. Aus solchem Grunde geschieht oft Vieles nicht. In diesem Bewußtsein mochten wohl einmal drei Berliner von ihrer Vaterstadt aus nach Potsdam gereist und mit der Post zurückgefahren sein; dann stiegen sie in einem Wirthshaus ab, und ließen sich von einem Lohnbedienten alle Merkwürdigkeiten der Stadt zeigen.
Endlich bekam ich es doch überdrüssig alle diese Seltenheiten zu sehen. Es ging mir wie Morgiane unter alten „Demanten und Smafiren.“ In Mahomed's Turban nimmt sich ein schöner Smaragd, auf dem Busen der Favoritin ein schöner Rubin herrlich aus, aber wenn man sie in den Schränken in Reihen da liegen sieht, so macht es nur den halben Eindruck. Diese Edelsteine entbehrten des Schimmers der wunderbaren Lampe, und ich war philiströs genug, mir das Geld für einen einzigen Diamanten in meine Tasche zu wünschen. Dann mögen, dachte ich, die Andern meinetwegen alles Uebrige behalten!
Dresden. Die Gemäldegalerie.
Die Gemäldegalerie habe ich in diesen Tagen fleißig besucht. O wie erfreut es doch, etwas Herrliches und Schönes wiederzusehen! Es ist ein zwiefacher Genuß: die Gegenwart und die Erinnerung! Hier ging ich vor elf Jahren umher, und empfand eine Ahnung, was Kunst sei. Ich hatte oft die Madonna Raphael's besucht, die trotz des schmutzigen Rauches, der sie zum Theil verschleiert, frisch in ihrer Schönheit mit dem Kinde auf dem Arme emporsteigt, wie ich sie in meinem Mönchsbruder besungen habe. Ich besuchte meine bunten Correggiobilder, die aussehen, als ob sie gestern gemalt seien. Die Arbeiten aus jener ersten Zeit sind die poetischsten. Es war mir ein eigenes Gefühl, vor diesen Gemälden zu stehen, die ich nicht gesehen, nachdem ich Correggio geschrieben. Rubens bewunderte ich stets halb im Vorübergehen. Das Flüchtige und rasch Gemalte muß flüchtig und rasch betrachtet werden. Van Dyk hat seine Bilder oft wahr ausgeführt, hat aber nicht Rubens' Genie und Erfindung. Rembrandt bewundere ich als einen poetischen, höchst genialen Schornsteinfeger. Seine Bilder haben immer die Schornsteinfarbe; aber er weiß ihnen mit wenigen leichten Partien eine starke Wärme, ja sogar Feuer zu geben, wie die Kohle auf dem Heerde. Seine (Schweine-) Hirten-Idyllen oft aus der biblischen Geschichte, tragen das Gepräge tiefer Wahrheit. Wenn man den rechten Gegensatz zu Rembrandts romantischen Kohlenbrennerscenen haben will, so gehe man hin und öffne die Glasschränke zu Van der Werft's Bisquit- und Porzellanboutiquen. Das ist fein gemalt, wie die Leute zu sagen pflegen. Doch kann man nicht leugnen, daß Van der Werft Grazie, ja zuweilen selbst Physiognomie in den ausgeführten Formen hat; aber er hat größtentheils vergessen, seinen Emailestücken einen lebendigen Geist einzuhauchen. Von Murillo hängt nur eine Madonna mit ihrem Kinde da. Titian's Venus liegt auf ihrem Lager, aber ich finde sie gar nicht schön. Von Michel Angelo ist hier nur ein tüchtiger, starker, nackter Jüngling in Fesseln, der lebendig verbrannt werden soll. Aber er sieht mit einem eigenthümlich vornehmen und wilden Blicke zum Scheiterhaufen hin, indem er sein Antlitz halb hinter dem Arme verbürgt, als ob er sagen wollte: Diese dumme Behandlung ist unverständig und unverschämt, aber sie ist bald überstanden. Niederländische Gemälde sind in Menge hier. Eins der liebsten ist mir Holbein's Madonna, vortrefflich conservirt. Sie steht mit dem Jesuskinde auf dem Arm, und der Bürgermeister kniet ehrlich und gutmüthig vor ihr, in seiner altdeutschen Tracht, lauter Portraits, außer Maria und dem Kinde. Ich finde es schön sich so auf fromme Weise ein Familienbild malen zu lassen.