Dresden. Katholischer Gottesdienst.
Ich habe in der katholischen Kirche schöne Musik gehört und freute mich in dem freundlichen hellen Gebäude zu sitzen, das, ohne gerade schön zu sein, etwas sehr Belebendes hat. Wenn der Schweizer sich nur nicht immer so viel Mühe gäbe, die Männer von den Frauen zu trennen und Jeden auf eine besondere Seite zu treiben. Es kommt mir so vor, als ob der jüngste Tag wäre, wo die Böcke von den Schafen getrennt werden. Lehnt sich Einer unvorsichtiger Weise an eine Säule oder Wand, so kommt er auch gleich und klopft ihm auf die Schulter. Er macht den meisten Spectakel in der Kirche aus lauter Eifer für die Ruhe, — und ich dachte an die Geschichte von den acht Männern, die Einen in das Getreide trugen, damit dieser nicht die Saat zertrete. Ein schönes Altarblatt von Raphael Mengs schmückt den Hintergrund der Kirche.
Wieland und der Kurfürst.
Von der Kirche führt ein verdeckter Gang zum Schlosse, durch den die königliche Familie mit dem ganzen Gefolge nach dem Gottesdienste geht. Dieser ist immer voll von Menschen und ich war jetzt auch einmal da, wie vor elf Jahren. Mir war es als ob es gestern gewesen wäre; so ganz gleich schien mir der Anblick. Es macht einen wunderbaren Eindruck, eine so schöne, große katholische Kirche mitten in dem Lande zu sehen, von dem die Reformation ausging. In Bezug auf die kurfürstliche Familie und den bedeckten Gang muß ich eine kleine Geschichte erzählen. Zur Zeit, als Wieland in seiner höchsten Blüthe stand, war er einmal nach Dresden gekommen. Einer seiner Bewunderer am Hofe, vielleicht der Marschall, hatte große Lust, ihn dem Kurfürsten vorzustellen, da aber Wieland nicht den dazu erforderlichen Rang hatte (er ließ sich nicht wie Göthe, Schiller und Herder adeln), so ging es nicht an, ihn an den Hof zu bringen. Hier dagegen auf dem Gange zur Kirche glaubte sein Beschützer wohl, daß es sich machen ließe. Als also der Kurfürst vorüberging, faßte ihn der Andere bei der Hand und stellte ihn vor. Der Kurfürst stand einen Augenblick still und blätterte im Buche seines Gedächtnisses, ob es anginge, daß ein Kurfürst mit einem Poeten auf einem öffentlichen Wege spräche; da er aber wahrscheinlich kein Beispiel hierfür fand, ging er weiter, ohne von Wieland Notiz zu nehmen.
Obgleich wir mit Extrapost reisen, geht der Wagen durch den brandenburger Sand doch wie bei einem Leichenzuge, und will man sich eine richtige Vorstellung von unserer Fahrt machen, so denke man sich eine Kalesche mit Koffern und drei Menschen auf ein Pflug gesetzt, man denke sich vor diesen Pflug vier magere Gäule gespannt, und daß es fast überall Schritt vor Schritt geht; so hat man eine Idee von unserer Fahrt von Dresden nach Berlin.
Ein zudringlicher Gast.
In einem Kruge hier in der Nähe ist jüngst eine hübsche Geschichte passirt. Ein Elephant hat die Ehre für den Augenblick das dresdener Publikum zu unterhalten. Da nun Elephanten auf ihren eigenen dicken Beinen einherschreiten müssen, so begab es sich, daß benannter dicker Fleischklumpen nach langsamer Wanderung mit seinem Herrn eines Abends bei diesem Bauernkrug ankam, wo man ihn, wie jedes andere Pferd, an den Schlag anband. Im Kruge saßen die Bauern, spielten bei Licht Karten, rauchten Tabak, tranken Branntwein, zankten sich, und gewannen einander das Geld ab. Der Elephant mußte dies lustige Treiben innerhalb der hellen Fenster bemerkt haben, während er selbst draußen in der finstern Nacht melancholisch stehen, und den großen Wagen und das Siebengestirn angähnen mußte, und da er sie Karten spielen sah, hatte er wahrscheinlich Lust bekommen, daran Theil zu nehmen; er erhob also mit philosophischer Ruhe seinen Rüssel, zerbrach mit Leichtigkeit die Scheiben und das Fensterkreuz, steckte den Rüssel ins Zimmer und wühlte umher. Man stelle sich vor, was betrunkene Bauern geglaubt haben müssen, indem sie so plötzlich mitten in ihrem Landsknecht durch eine so ungeheure Schlangengestalt gestört wurden. Als der Wirth hereinkam und sie Alle schreiend über einander liegen sah, hatte er alle seine Geistesgegenwart nöthig, um ihnen aus der Naturgeschichte zu beweisen, daß es nicht der Satan sei, der sie (nach ihrem eigenen wiederholten Verlangen) hole, sondern ein unschuldiger Elephant, der mit ihnen spiele; der nur Gemüse, und weder Ochsen- noch Bauernfleisch fräße.