Fahrt durch die Haide.

Wir fuhren durch lauter Haideland, wo nichts war, als Sand, Sonnenstrahlen und Fliegen. Von einzeln stehenden Büschen am Wege brachen wir Zweige ab, womit wir unsere Pferde bedeckten, um sie etwas zu schützen; denn mit den gestutzten Schweifen, mit denen sie unablässig umherschlugen, konnten sie sich nicht selbst vertheidigen.

Der Abend war schön, und nun kamen wir plötzlich zu einem herrlichen kühlen Nußwald, wo die Früchte in den Zweigen uns winkten. Wir stiegen ab, und pflückten unsere Mützen voll von den noch nicht ganz reifen, aber doch wohlschmeckenden Früchten.

Weiterhin kamen wir an einen kleinen Tannenwald, wo die wenigen Brombeeren, die wir im Gebüsch fanden, uns erfrischten.

Um Ein Uhr gelangten wir an eine Station. Als ich auf dem Sopha lag, halb im Schlaf mein Butterbrod aß, das ich mit einem kleinen Hunde theilte, den ich von seinem Lager verjagt hatte, um selbst darauf zu liegen, kam Christian ganz bleich herein und sagte: „Wir können heute Nacht nicht weiter reisen; draußen auf dem Wege liegt ein armer Mann, der todtgeschlagen ist und jämmerlich stöhnt. Der Hausknecht und der Postillon haben eine Laterne angezündet, und sind hinausgegangen, zu sehen, wie es steht!“ — Ich lief zur Thür hinaus, die Leute kamen aber gleich zurück und sagten, daß es ein armer, kranker Mann aus einem der Nachbarhäuser gewesen sei, der gestöhnt habe. Je weiter wir fuhren, destomehr Pferde bekamen wir. Erst hatten wir zwei, dann bekamen wir drei; nun mußten wir vier nehmen und der Postmeister sagte, wir sollten eigentlich fünf bekommen, aber weil wir es seien, sollte es bei vier sein Bewenden haben. Hätten wir die Ehre mehr als das Geld geliebt, so hätten wir wohl mit sechsen fahren können.

Der Wagen ging, wie gewöhnlich, etwas entzwei. Im Ganzen hat er, was den Rumpf anbetrifft, eine gute Gesundheit, aber die Räder und die Stange kränkeln zuweilen. Hier zerriß ein Riemen. Glücklicherweise hatten wir eine eiserne Kette, mit der wir uns behalfen, bis am andern Morgen der Riemen wieder hergestellt war.

In einer kleinen Stadt stieg ich vom Wagen und eilte zu einem armen Barbier, um mich rasiren zu lassen. Die Frau gab dem schwachen abgezehrten Kinde — Kaffee. Armuth und Elend herrschte in allen Winkeln. Der Mann sah bleich und finster aus. Als er mir das Messer an's Kinn setzte, dachte ich: Du bist hier wildfremd! Weder Bertouch noch Christian haben gesehen, wo Du hingegangen bist. Du hast alles Reisegeld in einem Gürtel um den Leib. Wenn nun der Mann dies vermuthete, in der Verzweiflung wär, dir den Hals abschnitte und deine Leiche in einen abgelegenen Brunnen würfe? Mit diesen Gedanken blickte ich ihm starr in die Augen, um ihm zu imponiren, wenn er etwas Böses im Sinne hätte. Als er fertig war fühlte ich mich ihm unsäglich verbunden und steckte dem kleinen Kinde einen Thaler in die abgezehrte Hand. Die armen Leute dankten innig, und ich schämte mich, daß ich dergleichen hatte denken können. Aber ich dachte es eigentlich auch nicht, es war nur ein Spiel der Phantasie. Wenn ein Dichter die Phantasie nicht spuken und träumen lassen könnte, ohne davon ergriffen zu werden, so wäre es schlecht mit ihm bestellt.

Am nächsten Tage kamen wir, nachdem wir die Haiden durchpflügt hatten, an einen schönen See, wo wir die Pferde beneideten, daß sie sich im frischen Wasser abkühlen konnten. Wir kamen wieder an Brombeerhecken vorüber. Da stand eine Frau, die einen großen irdenen Topf voll gepflückt hatte. Statt auszusteigen und sich welche mit eigener Hand zu pflücken, fand Bertouch es bequemer, der Frau alle Beeren abzukaufen. Für vier Groschen bekam er die ganze Ernte. Ich fragte ihn, ob er wirklich die Absicht hätte, sie alle zu verzehren. Er schwieg lächelnd, nahm sie in sein Taschentuch, legte sie in den Schooß, streifte die Aermel auf und nun begann ein Beerenessen: eine Hand voll nach der andern in den Mund. Christian ahmte seinem Herrn nach. Da saßen sie, als ob sie als Kannibalen Hände in Blut getaucht hätten. Endlich sagte ich zu Bertouch: „Darf ich um meine Portion bitten?“ Und da er, wie immer, mir höchst gutmüthig und gastfrei die größte Hälfte gab, nahm ich sie, und warf sie mit den Worten zum Wagen hinaus: „Das ist ein Opfer, das ich Ihrem Magen bringe.“ — Später machte es mir Spaß, die beiden blutrothen Schlächter allmälig ganz dunkelblaue Hände, wie Färber, bekommen zu sehen. So machten sie in kurzer Zeit zwei Handwerke mit größter Leichtigkeit durch.


Ankunft in Berlin.