Ich habe Hoffmann's Bekanntschaft gemacht. Seine Märchen und Erzählungen sind trotz des Convulsivischen und Entsetzlichen, das zuweilen zur Manier wird, voll von poetischem Feuer, einer starken Phantasie und von Humor. Er ist Regierungsrath, klein, mager. Er zeigt in seiner Unterhaltung viel Verstand. Er ist auch ein guter Musiker, und hat Fouqué's Undine übersetzt. Er und der Buchhändler (später Kriminaldirector) Hitzig luden mich ein, mit ihnen in einer Restauration zu essen, wo ich auch Berlins größten Komiker, Devrient, fand. Ich habe ihn einen französischen Kammerdiener spielen sehen, der einen deutschen Kutscher unterrichtet und ihm bei einer Flasche Wein, die sie an einem kleinen Tisch zusammen trinken, imponirt. (Den Namen des Stückes habe ich vergessen.) Man kann sich nichts Lustigeres denken. Nie kann Prahlerei und ein albernes Wesen auf eine hübschere Art persiflirt werden; all die vornehmen Manieren carrikirt, und doch mit einer bewundernswürdigen, französischen Nonchalance.
Jüngst, bei Alberti's, disputirte ich mit dem Professor Buttmann über die wissenschaftliche Terminologie. Er sagte, sie sei nöthig; ich behauptete: Nein; man könne das, was man in seiner eigenen Sprache nicht klar auszudrücken vermöge, auch noch nicht klar denken. Gewisse Schattirungen des Denkens ließen sich freilich nicht aus einer Sprache in die andere übersetzen; aber gerade dieser Unterschied mache, daß mehrere und nicht eine Sprache existire; das konnte der gelehrte Grammatiker nicht leugnen.
Das Opernhaus ist sehr schön. Seitdem das Schauspielhaus abgebrannt ist, wird hier immer gespielt; aber kommt es nun daher, daß das Opernhaus mehr abgelegen, oder daß es Sommer ist, es ist sehr wenig besucht. Der Theaterintendant Herr Graf Brühl schickt mir jeden Morgen ein Billet zu einem Sperrsitz. Ich habe Unzelmann wieder gesehen. Er wird nun alt, ein herrlicher Komiker. Er besaß nicht Iffland's Feinheit und Portraitmalertalent, aber mehr komische Begeisterung und ein lustigeres Naturel. Er hatte die Gewohnheit, zuweilen ein paar Worte seiner Rolle hinzuzufügen. Dies wurde verboten, und man mußte Strafe zahlen, wenn man das Verbot übertrat. Einmal spielte man das kleine schöne Singspiel: Richard Löwenherz, wo die Prinzessin reitend zur Burg kommt. Das Pferd machte gefährliche Capriolen auf der Bühne nach dem Orchester zu, und Unzelmann, der mitspielte, ging hin, griff in den Zügel, hob drohend seine Finger und sagte: „Weißt du nicht, daß es verboten ist, in der Rolle Zusätze zu machen?“ — Ein starker Applaus belohnte diesen Witz, und Unzelmann bezahlte mit Freuden seine Strafe.
Unzelmann stand am Vormittag mit anderen Schauspielern auf der Bühne, nachdem zu Schiller's Räubern die Probe gehalten war, gerade als das Schauspielhaus zu brennen anfing. Als er nun das Feuer unter dem Dache bemerkte, winkte er den Anderen zu und sagte leise: „Still Kinder! das muß um Gottes willen geheim gehalten werden! Das darf Niemand wissen. Wir werden es wohl bald löschen können.“ Indessen wirbelten die starken Flammen bereits zum Dach hinaus, hoch in die Luft empor, und der ganze Markt war voller Menschen, die dem Brande zusahen. Die Schauspieler mußten eilen, um sich selbst zu retten.
Ich muß hierbei noch eine andere Geschichte erzählen. Ein Mensch hat am Vormittag ein Parterrebillet zur Vorstellung der Räuber genommen. Als nun das Schauspielhaus Abends 6 Uhr vernichtet war und noch in den Ruinen brannte, und ein Piquet Soldaten umherstand, um die Menschenmenge abzuhalten, kam der Mann, klopfte einem Soldaten auf die Schulter und wollte auf die Brandstätte, weil er ein Billet hatte.
Frau von Arnim.
Brentano. Fouqué.
Bei Pistor's lernte ich Frau von Arnim, Brentano's Schwester, eine lebhafte, muntere Dame, trotzig, witzig, geistreich, beredt, scherzhaft und gutmüthig kennen. Wenn sie mit Männern spricht, so neckt sie gern; man muß auf jedes Wort achten das man sagt, damit sie sich nicht daran klammern kann; man muß lustig sein und sie wieder necken, dann lächelt sie vergnügt. Sie fragte mich, ob bei mir zu Hause auch Damen seien, die mir die Wahrheit sagen könnten. Ich antwortete ihr: „O ja! wir haben sehr vernünftige artige Damen in Kopenhagen.“ „„Aber,““ sagte sie, „„wenn sie alle so höflich und artig sind, wer sagt Ihnen dann das Nothwendige derb und grob?““ „O,“ antwortete ich, „wenn ich das zur Veränderung einmal von Damen hören will, so reise ich ins Ausland!“ „„Bravo,““ rief sie und brach in Gelächter aus; „„ich verzeihe Ihnen Ihre Unverschämtheit, es war eine gute Antwort.““ Arnim ist groß, blond, hübsch und sehr still. Er hat einen poetischen Geist, nur ist er in seinen Dichtungen etwas neblig und weitläufig; doch trifft man in seinen späteren Büchern, z. B. Berthold's erstes und zweites Leben viele schöne Schilderungen. Brentano, sein Schwager, wollte sich im Anfange gar nicht mit mir abgeben, aber als er mich später eines Abends bei Arnims sah, wo ich ein paar Acte aus Freia's Altar vorlas, fand ich Gnade vor seinen Augen und nun sind wir sehr gute Freunde. Er gleicht der Schwester. Mit vielem Witz spricht er von Allem, stellt Alles in ein barockes Licht, und findet leicht Fehler in Dem heraus, was man sagt; gesteht aber doch selbst, daß auch er ein sündiger Mensch ist. Er ist in der letzten Zeit etwas fromm geworden, glaube ich, ließ sich aber mir gegenüber nicht weiter darüber aus, weil er merkte, daß ich es nicht auf seine Weise sei. Er ist kaum mittelgroß, hübsch, aber ziemlich bleich und mager; das schwarze lockige Haar hängt ihm wild um den Kopf. Seine Augen mit großen Lidern sind braun, voller Feuer und unstet. Es ist keine Frage, daß er viel Geist und Talent besitzt; wenn er nicht zu negativ wäre und mehr Ruhe hätte, könnte er es gewiß weit bringen. Ich las ihm etwas aus meinem Evangelium des Jahres vor, das er sehr lobte; aber auf eine Weise die stets unangenehm ist; wenn nämlich der Richter nicht bloß einzusehen sondern auch zu übersehen glaubt, was er beurtheilt.