Vor Kurzem kam Tieck von einer sehr forcirten Reise zurück. Er ist in England gewesen und hat in den alten Sagen von Shakspeare, seinem Theater und seinen Schauspielern umhergestöbert; hatte das Verhältniß erforscht, in dem Shakspeare zu den Dichtern seiner Zeit stand, was von Anderen geschrieben war, als und bevor er dichtete u. s. w. Dieses Buch kann sehr interessant werden. — Ich fand Tieck sehr verändert; er geht von Gicht gekrümmt an seinem Stocke und ist ziemlich stark geworden. Wenn ich mit ihm allein spreche, hat er ein freundliches Wesen, einen einnehmenden schalkhaften Blick und einen gutmüthigen aufrichtigen Ton. Was seine Ansichten betrifft, bin ich in Vielem anderer Meinung und erquicke mich mehr an seiner Poesie, als an seiner Philosophie. Er ist mir zu streng gegen die jetzige Zeit, und betrachtet das Mittelalter, sein Mönchswesen, Aristokratie und erste Kunstversuche mit allzu günstigen Augen.

Als er Canova einmal zu sehr herunterriß, wurde ich böse und sagte: „Canova ist ein ausgezeichneter, seltener Künstler, er ist kein Thorwaldsen, aber Silber ist gut, obgleich es kein Gold ist.“ Tieck meinte, daß er gar kein Bildhauer sei und sagte: „„Wenn Er Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.““ — „Das will ich Dir sagen,“ antwortete ich, „das ist ein Mann, der einen Stein mit einem Meißel behaut und schöne Bilder hervorbringt, und das hat Canova oft gethan.“ — Indessen kam es doch bald zu einem Vergleich, und als ich ging, sagte er mit freundlichen Blicken: „Nun sei nicht böse!“ — Bei Zschokke's hatten wir letzthin eine rechte Künstlermahlzeit, da waren Tieck, Schinkel, Arnim, Brentano und mehrere Andere. Es wurde Rheinwein getrunken und gesungen: „An grünen Bergen wird geboren“ und „Am Rhein, da wachsen unsere Reben.“ Zuletzt sang ich Dänisch, was die Anderen gern hörten. —


Ein talentvoller Barbier.

Da wir einmal vom Singen sprechen, muß ich eine komische Geschichte erzählen. Mein Barbier hörte mich letzthin des Morgens trällern und sagte: „Ach, der Herr Professor singen jewiß scheen.“ — „„Es geht,““ antwortete ich. — „Ich habe auch eene sehr jude Stimme,“ sagte er, indem er mich einseifte, „und Beschort hat mich vor 30 Jahren jesagd, deß ick een sehr jroßer Sänger hätte werden können.“ — „„Das hätten Sie thun sollen,““ entgegnete ich. — „I nun,“ sagte er, indem er mich bei der Nasenspitze faßte, „ick bin ja och so recht jlücklich.“ — Nach einer kleinen Pause fing er wieder an: „Ick singe den heegsten Diskant un den tiefsten Baß. Ick kann ooch Alt un Tenor singen. Woll'n Se hören?“ — Nun stieg er in die Fistel hinauf, wie der Küster Peter im Erasmus Montanus. — „Herr Gott, das war schön,“ dachte ich. — „„Ach, Herr Professor,““ fuhr er fort und frischte die Seife auf, „„woll'n Se nich ooch ä bischen singen, denn will ick secundiren.““ — „Mit Vergnügen,“ antwortete ich. Und nun fing ich, eingeseift wie ich war, sehr feierlich an: „In diesen heiligen Hallen,“ und er, indem er eifrig das Messer auf dem Lederriemen strich: „kennt man die Rache nicht.“ Wer herein gekommen wäre und uns so gesehen und gehört hätte, hätte sich zu Schanden gelacht.


Vor einigen Abenden las Tieck seine Uebersetzung: „Der Flurschütz von Greenfield,“ der sich in seinem altenglischen Theater findet. Er liest vortrefflich vor und hat echtes Schauspielertalent, besonders für das Komische. — Ich habe ihm die zwei ersten Acte von Ludlam's Höhle vorgelesen, mit denen er sehr zufrieden war. — Als ich jüngst mit ihm unter den Linden ging, begegneten wir einem sehr schönen, anmuthigen Mädchen, welches ihn erröthend grüßte, und ihn mit der innigsten Hingebung fragte, wie es ihm gehe. Sie wünschte ihm recht warm Gesundheit und langes Leben als sie ihn verließ, und ich konnte an ihrem Gruße und an der Wärme, mit der sie sprach, sehen, wie lieb sie ihn hatte.


Schinkel.

Mit Tieck besuchte ich den Baurath Schinkel, einen seltenen Architekten und Maler. Wir sahen mehrere seiner Landschaften, in denen der Gegenstand ebenso romantisch wie die Ausführung kräftig und schön ist. Wir fanden bei ihm auch die Frau Arnim. Tieck saß vor jedem Bilde in einem Lehnstuhle und betrachtete es außerordentlich lange mit großer Aufmerksamkeit und großem Ernst. Frau Arnim huckte sich vor den Bildern nieder, fing zu scherzen an, neckte mich wie gewöhnlich und fragte, ob ich mich auf Gemälde verstände; was für Ideen ich hätte u. s. w., Alles nur, um den gravitätischen Tieck zu stören, der sie von Kindheit auf kennt und nun halb böse, halb lächelnd wie ein Großvater schalt, weil sie so unruhig war und ihn in seiner Andacht störte.