Als in den letzten Tagen ihr Husten sich sehr verschlimmerte, schenkte ihr Frau Brun eine hübsche Ziege, deren Milch sie trank, und die sie zu ihrem Vergnügen im Zimmer hatte. Ich pflegte ihr sonst selten Etwas von dem, was ich schrieb, vorzulesen, aber nun fühlte ich gleichsam einen Drang dazu in der Ahnung, daß es das letzte Mal sei. Ich hatte grade Karl den Großen vollendet, und Camma lag auf ihrem Sopha und hörte zu, während Rahbek an ihrer Seite saß. Ich entsinne mich noch, wie sie bei der Stelle zusammenschreckte, wo Wittekind Karl, der ihn bittet, die Axt liegen zu lassen, mit einem donnernden: „Nein, Karl“! antwortet. Sie folgte der Lectüre mit Theilnahme und Aufmerksamkeit. Dies war aber auch unser letzter geistiger Verkehr hier auf Erden. In der strengen Winterkälte bekam ich einen Podagraanfall; der starke Frost hat vielleicht auch ihr Ende beschleunigt; sie starb und ich konnte ihrem Sarge nicht folgen, aber ich schrieb ein Lied, das sich in meinen Gedichten findet.
Rahbek's Tod.
Rahbek folgte seiner Camma ein Jahr darauf. Dieser merkwürdige Mann hat viel zur Verbreitung der ästhetischen Kultur in seinem Vaterlande beigetragen, obgleich er oft verkannt wurde, und, wie dies häufig der Fall ist, viel von der Undankbarkeit einer jüngern Zeit litt. Rahbek's Geist war nicht tief, seine Phantasie nicht feurig, sein Verstand nicht scharf, aber mit einer außerordentlichen Liebe für den Theil der Poesie, für den er sympathisirte, hatte er seine Empfänglichkeit dafür, seine Einsicht darin durch unablässiges Studium und wiederholte Lektüre ausgebildet. Mit feinem Scharfblicke, Witz und Beobachtungsgabe ging er auf das Psychologische in den dichterischen Motiven ein; aber obgleich Ewald ihn erst geweckt hatte, und er diesen Dichter stets als unerreichbar groß ansah, so hatte doch Rahbek's eigene Natur ihm besonders die Schilderungen des Lebens lieb gemacht, die sich in den Iffland'schen Stücken finden, von denen wir nach seiner Zeit herrliche Früchte in den von Heiberg herausgegebenen Alltagsgeschichten, kurz, in dem poetischen Genrebild erhalten haben. In den besseren Iffland'schen Stücken spielte Madame Rosing in Rahbek's jüngern Jahren ganz vortrefflich; diese herrliche Künstlerin hatte einen tiefen Eindruck auf Rahbek gemacht, er liebte sie mit platonischer Liebe, und das trug gewiß nicht wenig dazu bei, ihn diese häuslichen Scenen lieb gewinnen zu lassen, die sein erstes sentimentales Entzücken über Rousseau's neue Heloise und Göthe's Werk verdrängte. Für das Pathetische hat er von Natur weniger Interesse, obgleich das Große und Patriotische stets einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Aber in seiner witzigen kalten Stimmung konnte er auch oft das Schwülstige und Uebertriebene auffinden, das er ebenso sehr wie den Luxus und die Vornehmheit haßte.
Als Ryge einmal von Deutschland nach Hause kam, wo er Eßlair gesehen hatte, und nun Hakon Jarl wieder spielte, meinte Rahbek, daß er wider seine Gewohnheit ein Bischen zu stark auftrüge, und sagte, indem er ihn fortwährend durch sein Perspectiv ansah: „Ja, das ist ganz gut, aber die Natur ist nicht Deutsch“. Daß Rahbek witzig war, und daß seine Trinklieder mit das Beste sind, was wir in dieser Art besitzen, darüber sind Alle einig. Und ihm selbst lag doch nichts am Trinken, obgleich er sich in seiner Jugend in Dreyer's Klub und in der Norwegischen Gesellschaft aus Freundlichkeit und Nachgiebigkeit gegen die Anderen bisweilen einen Rausch getrunken hatte. „Der Wein schmeckt mir eigentlich wie Essig“, sagte er. Und darin hatte er Recht; denn der Wein, den er in einzelnen Flaschen täglich nach dem Hügelhause aus der Stadt holen ließ, hatte wirklich viel gemein mit dieser Säure. — Rahbek fehlte es an Charakterfestigkeit, so eigensinnig er auch war; eine gewisse Schwäche des Geistes verhinderte ihn zuweilen ganz aufrichtig zu sein; aber im Grunde war er ein sehr guter und sanfter Mensch. Er hatte nicht nur Witz, sondern auch echtes Gefühl als Dichter in seiner Bearbeitung von Der Todten Wiederkehr, seinem Marienhügel u. a. m. an dem Tag gelegt. In seiner Persönlichkeit war sehr viel Komisches. Zwei Dinge, zu denen die Natur ihm jede Fähigkeit versagt hatte, hatte er am liebsten werden wollen, und beklagte immer, daß ihm die Umstände dies versagt hätten, nämlich Soldat und Schauspieler. Im Studentencorps war er stets ein eifriger Krieger; obgleich er nicht das Exercitium lernen konnte, und selbst einmal gestand, „daß sie ihn zum Lieutenant à la Suite gemacht hätten, weil er nicht zum Gemeinen taugte“, trug er doch noch beständig die Uniform, nachdem sie die Andern schon längst abgelegt hatten. Comödie wollte er ungeheuer gern spielen. Einmal sollte Robinson in England in Borups Gesellschaft aufgeführt werden. Ich begegnete Rahbek sehr vergnügt auf der Straße. „Wo willst Du hin“? fragte ich — „„Ich will meine eigene Rolle spielen““. Es war die des Magister Romanus. Rahbek meinte, daß ich in der Replik, wo von diesem Magister gesagt wird, daß er für jede Meinung, die er sagte, wenn sie noch so alltäglich sei, eine classische Autorität anführen müsse, auf ihn gestichelt hätte.
Zur Charakteristik Rahbek's.
Rahbek war ein Cyniker; seiner Frau schenkte er oft schöne Kleider und Putz; er selbst aber ging in einem groben dunkelblauen Rock und kaufte sich erst einen neuen, wenn der alte ganz abgetragen war. Ich sah ihn einmal, wie er auf offener Straße, vor einem Kleiderladen, einen Rock anprobirte, den er kaufen wollte. Einen Regenschirm brauchte er niemals; oft kam er durch und durch naß vom Hügelhause zur Stadt, um Vorlesungen zu halten. Einmal wollte ihm der Pedell einen Rock leihen, da er wie eine gebadete Maus aussah, aber er nahm ihn nicht an; naß, wie er war, bestieg er das Katheder. Es wäre gewiß kein Wunder gewesen, wenn er in diesem Zustande eine ziemlich trockene Vorlesung gehalten hatte. Gastfrei empfing er seine Freunde bei seinen kleinen Abendgesellschaften; aber wenn man den ganzen Weg gekommen war, ohne beschmutzt worden zu sein, so konnte man dies doch unmöglich vermeiden, wenn man dicht an seine Hausthür kam, die durch einen Tümpel verschanzt war. Bischof Mynster schenkte Rahbek einmal etwas, das er selbst finden sollte, zu seinem Geburtstage; wenn es aber Andere nicht gesagt hätten, so würde er selbst es nicht entdeckt haben: es war nämlich ein eiserner Abstreicher, den Mynster draußen vor der Thüre hatte anbringen lassen. Als Rahbek todt war, that es den Leuten leid, zu hören, daß das liebe Hügelhaus, welches so reich an schönen Erinnerungen war, eingerissen und umgebaut werden sollte! Aber dies war wirklich durchaus nothwendig, denn das Hügelhaus war eine elende Baracke, die nicht länger stehen konnte. Bereits vor dreißig Jahren war es ein schlechtes Gebäude; aber es lag anmuthig bei dem Südfelde (wohin Rahbek übrigens niemals einen Fuß setzte) und er liebte die schöne Aussicht von dort. Eigentlich hatte Pram diesen hübschen Landsitz gefunden und Rahbek vorgeschlagen, dort mit ihm zu wohnen; denn von selbst wäre Dieser nicht darauf gefallen. Eines komischen Scherzes von Pram entsinne ich mich, den Rahbek mir erzählte. Als sie die Wohnung gemiethet hatten, ging Rahbek umher, die Zimmer anzusehen, und als er zu dem Zimmer zurückkehrte, wo er Pram verlassen hatte, lag dieser auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt, auf den Dielen. Rahbek wurde ängstlich und glaubte, Pram hätte einen Anfall bekommen; dieser aber beruhigte ihn und sagte: „Mir fehlt Nichts; ich habe mich nur so hingelegt, damit das Zimmer ein Bischen höher wird“.
Besuch in Schweden.
Im Sommer 1829 bekam ich eines Tags einen Brief vom Literaten Ove Thomsen, in dem er mir vorschlug, mit ihm eine Lustfahrt auf dem Dampfschiffe nach Malmöe und Lund zu machen. — Eine solche Aufforderung war nöthig, denn sonst wäre es mir nicht eingefallen und ich hätte mich mit meiner gewöhnlichen Abendpromenade nach Friedrichsberg begnügt.
Mit meinem jüngsten Sohne William machte ich nun diese schwedische Reise, und als ich auf dem Schiffe stand und mich der fremden Küste näherte, konnte ich selbst nicht begreifen, warum es mir nie eingefallen war, öfter hinüber zu fahren. Von meiner frühesten Kindheit an hatte vom Friedrichsberger Hügel aus stets die Schoonen'sche Landstrecke den Horizont für mein Auge gebildet. Durch das Telescop meines Vaters hatte ich oft nach Malmöe hinüber gesehen, wenn der Sonnenschein daselbst auf den Kirchthurm fiel.