In dem Bade Ramlöse bei Helsingborg, war ich freilich schon gewesen. Um einmal an einer gesellschaftlichen Unterhaltung an diesem Orte Theil zu nehmen, und um das Gewimmel der Nachbarnation zu sehen, von der ich nur Einzelne kannte, fuhr ich eines Tags hinüber, als ein Ball stattfinden sollte. A. S. Oersted, Spieß, Winckler und noch viele Dänen fuhren mit. Man hatte nicht den König Karl Johann zum Feste erwartet; er kam, und dies veränderte die Situation etwas. Man hatte geglaubt, daß der Ballsaal zu öffentlichem Gebrauche sei, nun kam der schwedische Hof, aber die Fremden wurden sehr artig empfangen. Im Saal konnte freilich Keiner in des Königs Quadrille tanzen, der ihm nicht vorgestellt war, weshalb der Hofmarschall mit vieler Höflichkeit mehrere sich eindrängende Gäste darauf aufmerksam machen mußte. Ich drängte mich durch das Gewimmel, um in das Vorgemach zu kommen, das auch voller Menschen war. Hier wollte ich an der Thüre stehen bleiben, um den König zu sehen, wenn er vorbeiginge, weil ich doch diesen großen Helden und ausgezeichneten Menschen einmal in meinem Leben zu sehen wünschte. Ich hatte noch nicht lange gestanden, als sich ein Adjutant den Weg zu mir bahnte, und mich fragte: „ob ich Oehlenschläger sei!“ Ich antwortete: „„Ja.““ „Dann habe ich den Befehl, Sie zu Se. Majestät zu bringen.“ Ich folgte ihm und stand vor Karl Johann's ausgezeichnetem Antlitz. Er sprach sehr gnädig mit mir, und fragte mich unter Anderm, ob ich einige schöne schwedische Damen gesehen habe. Als ich es bejahte, lud er mich ein, da zu bleiben und mit zu Abend zu speisen. Ich saß lange und sprach mit dem alten Grafen de la Gardie, später aber, als ich in den Pavillon gehen wollte, um zu speisen, war dieser schon ganz besetzt, zum Theil von Dänen, die wohl kaum eingeladen worden waren. Ich bekam nichts. Dies gab mir Veranlassung, viele Jahre darauf den König Oskar zum Lachen zu bringen, als ich ihm erzählte, daß ich einmal von einem Souper mit trocknem Munde gehen mußte, obgleich sein hochseliger Vater mich selbst eingeladen hätte.
Lund.
Wir reisten also nach Malmöe. Der gegen alle Dänen so freundliche und äußerst gastfreie Landrichter Hoffmann näherte sich in einem Boote dem Dampfschiff, um uns zu empfangen. Im Wagen des Landrichters fuhr ich mit meiner Reisegesellschaft in die Stadt. Wie wohlgestimmt fühlte ich mich gleich bei diesem heitern Mann! Die fremde Küste übte, in der schönsten Jahreszeit vor uns ausgebreitet, ihre Zaubermacht auf uns aus. Wir waren von lauter zuvorkommenden Schweden umgeben; der früher dem dänischen Ohr so feindlich klingende Dialekt schmeichelte sich mit allem Wohlklange ein. Mein lustiger, herzlicher Wirth bewohnt ein Haus, das, wenn auch nicht regelmäßig, doch behaglich ist. Eine Menge Zimmer hängen voll von Kupferstichen und Gemälden; gute Möbel standen überall, und ein mechanischer Canarienvogel in einem Bauer wurde gleich in Bewegung gesetzt und mußte uns etwas vorpfeifen. Kleine Tannenzweige waren auf die Dielen gestreut. Dies ist ein allgemeiner Brauch in Schweden, und ich möchte ihn um Vieles nicht entbehren; es versetzte meine Einbildung ganz in das Land der Tannen- und Fichtenwälder.
Später gingen wir mit dem Probst Gullander in die Kirche, die ich so oft vom Friedrichsberger Hügel gesehen hatte. Hier traf ich Leichensteine und Tafeln voll von dänischen Grabschriften. Die Bauern in Schoonen haben noch sehr viel von unserer Sprache, und die andern Schweden sagen von ihnen, daß sie Dänisch sprechen. Der Knudsaal auf dem Stadthause, groß und schön gebaut, erinnerte gleichfalls an Dänemark; in der Vorhalle hängen die Bilder der Königin Margaretha und aller dänischen Unionskönige, und im Saale selbst ist der Hintergrund mit einem Bild geschmückt, das den König Knud den Heiligen in Lebensgröße darstellt. Ich sah auch die Portraits Karl XII. und Gustav III., beides schöne junge Köpfe; aber man kann sich keinen größern Gegensatz denken, von trotziger Ehrlichkeit und feiner List, die sich unter der Maske der Höflichkeit verbirgt.
Unser guter Landrichter fuhr uns darauf nach Lund, wo wir in dem Hause des verstorbenen Professors Lidbeck abstiegen, und wo der Adjunct Wieselgren mich bewirthete. Nach der Mahlzeit kam eine Deputation Lunder Studenten, schwarz gekleidet, mit Degen an der Seite, und luden mich ein, in nächster Woche dem Rectorwechsel und der Magisterpromotion beizuwohnen. Professor Engeström führte mich darauf in die Bibliothek, in das Museum und endlich in den botanischen Garten, wo die Studenten in einem Pavillon sich versammelt hatten. — Engeström sagte mir hier einige ehrende Worte; alsdann wurde ein vierstimmiges Lied gesungen.
Darauf ging ich mit Engeström zu Professor Lindfors, der Kindtaufe hatte und mich bei dieser Gelegenheit bei sich zu sehen wünschte. Wenn ich kurz zuvor in dem Pavillon die begeisterte akademische Jugend kennen gelernt hatte, so erfreute es mich hier, bei einem kleinen Feste, fast alle Professoren zusammen zu sehen und mit einigen Bekanntschaft zu machen, unter Anderen mit einem alten ehrwürdigen Juristen, der mir sagte: „Ich kenne auch Kopenhagen, aber nur aus dem vorigen Jahrhundert.“ Die idyllische Weise, wie solche Feste gefeiert werden in dem mit Blumen geschmückten Zimmer, wo der Wirth selbst mit dem Präsentirteller umhergeht und den Gästen Wein anbietet, erinnerte mich an meine Jugend, als ähnliche alte Gebräuche auch noch bei uns stattfanden und die Herzlichkeit und Festlichkeit noch nicht ganz und gar durch das galante und vornehme Element verdrängt waren.
Nun fuhr ich mit meiner Gesellschaft wieder nach Malmöe und glaubte Alles sei vorbei; aber wie ward ich überrascht, als ich eine weite Strecke von der Stadt entfernt alle Studenten wiedersah; als der Adjunct der theologischen Facultät Thestrup an den Wagen trat und in einer begeisterten Rede im Namen der Schweden für den Genuß dankte, den ihnen meine Schriften bereitet hätten. Unter einem oft wiederholten Hurrah fuhr ich tief bewegt davon, es erschien mir wie ein Traum. Ich, der zu Hause soviel Verfolgungen hatte erleiden müssen, der unaufhörlich in öffentlichen Blättern getadelt, der jeden Augenblick auf der Bühne angegriffen wurde, der nicht mehr in der galanten Welt Mode war, ich ward hier so aufgenommen! — Aber ich wurde deshalb nicht undankbar gegen mein geliebtes Dänemark. Die schöne Flamme eines begeisterten Augenblickes ergriff mich, aber ich vergaß nicht, daß es ein begeisterter Augenblick war; ich wußte, daß ich auch daheim Freunde hatte.
Der Dichter und die Eitelkeit.
Wenn man einander doch recht verstehen wollte! Viele glauben, daß wir Dichter, als höchst eitle Wesen stets Weihrauch verlangen; daß wir nicht glücklich seien, wenn nicht von uns gesprochen wird. Durchaus nicht! das allzugroße Lob ängstigt im Gegentheil, weil wir fürchten, daß die Tadelsucht auf den Augenblick, sich zu rächen harre. Wären wir doch so glücklich, eine ruhige, unerschütterliche Achtung, wie ein anderer ehrlicher Bürger im Staate zu genießen, der sich durch die Handlungen seines Lebens Zutrauen erworben hat. Aber nein! Erst zweifelt man, daß wir Dichter seien, und kaum haben wir dies bewiesen, so zweifelt man, daß wir es bleiben werden. Mit jedem neuen Werke müssen wir, wie vom Anfang an, Alles beweisen. Und gefällt ein Werk nicht, so übertäubt der Tadel eine Zeit lang alles frühere Lob. Alle Halbgebildeten wollen uns unsere Kunst lehren; eine Menge Leser trauen sich zu uns als Richter übersehen zu können. Also sind wir in unserer eignen Kunst die am Verstande Aermsten! Jean Paul sagt: „Wer sich, wie Adelung das Genie ohne Verstand denkt, der denkt es wirklich ohne Verstand! — Aber das geschieht doch oft. Die Reife und Menschenkenntniß, der Scharfsinn und die Urtheilskraft, die dazu gehören ein großes Dichterwerk zu beginnen und zu vollenden, kommen nicht in Betracht. Es glückt uns zuweilen,“ heißt es, — „und häufiger mißglückt es.“ „Wir sind große Kinder, die mit verbundenen Augen in das Glücksspiel des Genie's hineingreifen; Fruchtbäume, die reife oder unreife Früchte, gerade wie es sich trifft, den vernünftigen, gebildeten, geschmackvollen Essern darbieten!“ — Und mit dieser Achtung, die fast an Verachtung grenzt, sollten wir uns begnügen lassen! — denn was ist ein Künstler, wenn er nicht einmal ein Mann ist? Und was ist ein Mann, ohne Vernunft, ohne Geschmack, ohne Sicherheit in seiner Kunst? Ich will nicht ausführlicher erinnern, was ich durch unbilliges Herunterreißen gelitten habe; ich will nur noch erzählen, daß auch meine Kinder von anderen Kindern Hohn und Spott ertragen mußten, weil sie einen solchen Vater hatten. Das war auch ganz natürlich, denn Kinder sprechen nach, was sie von den Aeltern hören. Aber diese Stimmung war, Gott sei Dank, schon ziemlich vorüber. Heute hatte mein Sohn Freude an seinem Vater, und meine guten Landsleute hatten sich auch gefreut, was sie bei der Heimkehr mir durch ein Vivat kundgaben; auch das Jahr darauf ehrten mich dänische Studenten an meinem Geburtstage durch ein Hoch.