Nach oben gethaner Aeußerung hoffe ich, daß man mich weder der Eitelkeit noch des Hochmuthes beschuldigen wird, wenn ich mich künftig öfter bei der Güte und Ehre aufhalte, die mir daheim und in der Fremde erwiesen worden, ebenso wie ich früher oft bei der Feindseligkeit und dem Undank weilte, die ich ertragen mußte. Man hat mich zuweilen der Eitelkeit und Eigenliebe angeklagt. Es dürfte bei dieser Gelegenheit wohl der Ort sein, von diesen Fehlern und der Anwendung auf mich zu sprechen. Daß ich ehrlich und aufrichtig bin, glaube ich durch mein ganzes Leben bewiesen zu haben. Wir wollen erst die Eitelkeit vornehmen. Die eigentliche Eitelkeit besteht darin, daß man sich mit Kleinigkeiten brüstet, oder scheinen will, was man nicht ist. Diese Eitelkeit trifft mich nicht: ich hatte stets einen Abscheu davor, mich mit fremden Federn zu schmücken. In meiner Jugend suchte ich mein Aeußeres so hübsch als möglich zu machen; aber das war nicht Eitelkeit, um zu glänzen, sondern um den Damen zu gefallen, die mir stets außerordentlich gefielen. Diese Lust zu gefallen, die ja jedem Dichter bei seinen Werken vorschwebt, ist nicht Eitelkeit, sondern ein ganz natürlicher Trieb. Wozu sollte man sie sonst veröffentlichen? Ich leugne nicht, daß es Dichter giebt, selbst einige mit scharfem Verstande und viel Phantasie, die mit Recht eitel genannt werden können, weil sie mehr an sich selbst als an ihr Werk denken, aber derjenige, der mit warmem Herzen seine geistigen Erzeugnisse mehr als sich selbst liebt, wünscht ja nichts Anderes als Sympathie zu finden, das heißt Liebe und Harmonie in der Gedanken- und Gefühlsweise, und das ist nicht Eitelkeit: das ist eine der unentbehrlichsten Grundtriebe der Natur. Diese Lust zu gefallen leitet, mit Tüchtigkeit verbunden, zu all den liebenswürdigen, erquickenden Verhältnissen im Leben, die der kalte Egoist, der hochmüthig schweigt und sich selbst genügt, weder kennt noch zu denen er beiträgt. Er ist der wirkliche Eitle, denn er strebt nach einem Nichts, das weder Realität noch Idealität hat. — Was nun die Selbstliebe betrifft, so ist diese auch natürlich, wenn sie mit Liebe zu allem Guten außer uns verbunden ist. Als Christus sagte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,“ räumte er der Selbstliebe eine bedeutende Stelle ein. Wer nicht sich selbst und Andere belügt, gesteht auch, daß er sie hat. Sie ist genau mit dem Selbsterhaltungstriebe verbunden. Daß die heroische Selbstaufopferung für Andere etwas Großes und Erhabenes ist, das bei weitem nicht Alle besitzen, leugne ich nicht; die verschiedenen Tugenden strahlen in verschiedenen Richtungen; der Künstler ist meist gewöhnt, seine Lebenskraft seinem Werke zu opfern; doch kann auch er, wenn es die Noth verlangt und die Begeisterung ihn entflammt, Leben und Blut für Vaterland, Gesundheit, Glück und Freude, für seine Lieben aufopfern.
Es giebt noch mehrere Gründe das zu besprechen, was ich nun künftig besprechen werde. Es verschweigen, hieße meiner Biographie ihren halben Stoff rauben, hieße undankbar sein gegen die vielen Edlen, die dazu beigetragen haben, mir mein Leben zu versüßen; würde Züge vernichten und verwischen, die zur Charakteristik des Zeitalters gehören.
Zweite Fahrt nach Schweden.
Ich reiste also den Sonntag darauf mit meiner Familie nach Malmöe. Es war, als ob das Schicksal bestimmt hatte, daß ich die wenigen Tage, die ich in Schweden zubrachte, Zeuge der verschiedenartigsten Auftritte menschlicher Zustände, Leidenschaften und Gefühle sein sollte. Herr Crysander, Vorsteher des Irrenhauses, zeigte uns diese Anstalt; und hier sahen wir travestirte tragische Masken genug in einem lustigen Tanze. Einen eingebildeten Gott, eine 70jährige alte Jungfrau, die noch wie eine Hamlet'sche Ophelia mit Blumen und bunten Lappen schwärmte, einen verrückten Gelehrten, der täglich einen Bogen voll Krimskrams schrieb u. s. w. — Diese Scene wechselte mit einer durchaus entgegengesetzten Art. Der hochverdiente Landeshauptmann Baron Klinteberg war gestorben. So wie ich in der vorigen Woche eine Einladung in Lund zu einer Kindtaufe erhielt, so bekam ich hier eine zu einer Beerdigung. Eigentlich war es eine Beisetzung, denn die Leiche wurde Abends in eine Kapelle gebracht, um später beerdigt zu werden. Ich trat in den dunkeln Saal, wo schwarze Vorhänge das blendende Tageslicht verdeckten, und schwache Wachskerzen ihren Schimmer über den schwarzen Sarg warfen. Die angesehenen Männer der Gegend standen stumm in einem Kreise, der Propst Gullander trat hervor und sprach kräftig und rührend. Das Gefühl, daß ich hier als Lutheraner unter Lutheranern stand, die fast meine Sprache redeten, und ungefähr unsere Religionsbräuche hatten, brachte mich den Schweden noch näher; aber hauptsächlich daß ich mich als Christ und Mensch unter christlichen Menschen an einem Sarge befand! — Der edle Sohn, der durch den Tod seines edlen Vaters vernichtet war, rührte mein Herz, und ich fand es so schön, daß, als der Sarg auf den Leichenwagen getragen werden sollte, er selbst, nach dem Gebrauch des Landes, anfaßte und die Leiche des Vaters hinabtragen half, indem er sein Haupt über den Deckel hinbeugte und ihn mit Thränen benetzte.
Ernste und heitere Eindrücke.
Welch ein Unterschied! als ich später in der herrlichsten Abendröthe, im Treiben munterer Menschen, nach dem Hafen hinunter zum Dampfschiff ging, das gepfropft voll unter einem brüderlichen Hurrah von Dänen und Schweden nach Kopenhagen zurückkehrte.
Den Tag darauf aßen wir bei Kammerrath Qvenzel, wo die besten Männer Malmö's versammelt waren, und mir wieder ein Lied zu Ehren sangen. Ich saß neben der anmuthigen Frau Kiellander, einer jungen Dame voll Talenten und feiner Bildung. Ich ahnte nicht an diesem warmen Sommertage, daß sie den Winter darauf mit ihrem Manne und ihrem Kinde in den kalten Wogen unter dem Eise den Tod finden würde! —