König Christian der Achte.

In diesem Sommer wurde König Christian VIII. und Königin Karolina Amalia auf Friedrichsborg mit vieler Pracht gekrönt. Die Ritter vom Elephantenorden und die Großkreuze des Dannebrog waren in purpurrothen und citrongelben Sammetmänteln, weißen Seidentricots und großen Federhüten gekleidet. Die Meisten nahmen sich in dieser ihnen ungewohnten Tracht eigenthümlich aus.

Der König machte mich in diesem Jahre, am Tage seiner silbernen Hochzeit, zum Dannebrogsmann. Ich hatte auf seinen Befehl eine Tischcantate zum Krönungsfeste gedichtet, die, von Fröhlich componirt, bei Tafel aufgeführt wurde. Aber die Unmasse von Menschen, die hin- und herging, um zu sehen, wie die Majestäten von den Staatsministern bedient wurden, kümmerten sich nur wenig um die Musik; die Herrschaften saßen am andern Ende des Rittersaales; die Teller klirrten, die Menge lärmte, und ich glaube, daß Keiner, mit Ausnahme der Spielenden und Singenden, die Cantate gehört hat. Ich war selbst im Saale, hörte sie aber nicht.

Zusammenleben mit Thorwaldsen.

Steffens war auch zugegen. Der König hatte ihn mit seiner Familie nach Dänemark eingeladen und bezahlte die Reise. Ich besuchte mit Thorwaldsen, Steffens und Grundtvig den Baron Stampe auf Nysöe. Schon früher war ich einige Male mit Thorwaldsen dort gewesen. Des Abends, wenn wir nicht Lotto spielten (das einzige Spiel, an dem Thorwaldsen Theil nahm, wo er aber auch ein sehr leidenschaftlicher Spieler war und sich ebenso sehr freute, wenn er einige Schillinge gewonnen, als wenn er eine bedeutende Summe für seine Arbeiten bekommen hatte), mußte ich ihnen Etwas aus Holberg oder meinen eigenen Arbeiten vorlesen, und dann war er ein aufmerksamer Zuhörer. Er liebte überhaupt das Schauspiel sehr; in Kopenhagen saßen wir fast jeden Abend im Theater neben einander. Er konnte herzlich lachen und bei den rührenden Stellen rannen ihm die Thränen an den Wangen herab. Er hatte oft davon gesprochen, meine Büste zu modelliren; aber es verzögerte sich immer und ich mochte nicht daran erinnern. Endlich machte die Baronesse Stampe kurzen Prozeß damit. Sie bestellte bei dem Tischler ein Brett mit einem Stift darin, ließ ein Gefäß mit nassem Ton heraufbringen, formte mit ihren eigenen Händen einen großen Klumpen davon mit einem Hals wie an einer Flasche, und aus dieser Erde schuf Thorwaldsen seinen Adam, d. h. meine Büste. Den nächsten Tag hatte er keine Lust, daran zu arbeiten, und entschuldigte sich damit, daß er nicht recht aufgelegt sei. Als ich dann wieder zu ihm kam, componirte er die Skizze zu einem Taufengel. Ich fand es sehr natürlich, daß er lieber an einem Taufengel als an einem getauften Poeten arbeiten wollte.

Den nächsten Tag dagegen war er fleißig an der Büste beschäftigt und machte sie fertig. Er modellirte auch ein Basrelief von Steffens, als derselbe hier war. Bei Tische hielt Steffens Vorlesungen, die weder Grundtvig noch mir gefielen. Mein Verhältniß zu meinem alten Freunde war ganz wunderlicher Art. Er übersprang ganz die 37 Jahre, die wir getrennt gewesen waren und sprach mit mir noch immer, wie mit seinem Schüler vom Jahre 1803. Ich fand mich darein; einstmals gingen wir im Südfelde zusammen spazieren und es freute mich, alte Erinnerungen wieder heraufzubeschwören. In diesen Gefühlen sympathisirten wir brüderlich. Seine Frau war auch hier; die schöne Hanna Reichardt hatte sich außerordentlich gut conservirt; wir waren stets gute Freunde. Seine Tochter Klärchen hatte viel von dem Geiste des Vaters geerbt. Verstand und Herz standen bei ihr in seltener Harmonie. — In diesem Jahre feierte auch meine Tochter Marie ihre Hochzeit mit dem Doctor Wollert Konow aus Norwegen.


Tod meiner Frau.

Im Jahre 1841 dichtete ich Dina. Ich las meiner Frau und meinen Kindern die drei ersten Acte in demselben Zimmer vor, in welchem sie in kurzer Zeit als eine Leiche stehen sollte. Noch hatten wir keine Ahnung davon, obgleich sie in den letzten Jahren ihre Gesundheit verloren hatte. Sie konnte Nachts nicht schlafen. Die Folge davon war, daß sie oft am Tage einschlummerte und nicht recht an Dem Theil nehmen konnte, was uns Anderen interessirte. Meine Dichtungen hörte sie stets mit großer Aufmerksamkeit und Theilnahme an. Da ich an dem fünften Acte von Dina arbeitete, konnte ich ihr noch das Meiste davon vorlesen. Das Letzte, was sie hörte, war Eleonore Christine's Monolog, wo sie aus Liebe zu Mann und Kindern beschließt, das geliebte Vaterland zu verlassen. Da füllten sich Christiane's große blaue Augen, die trotz aller Schwäche noch nicht den Stempel ihrer frühern Schönheit verloren hatten, mit Thränen. Und das war der Abschied dieser edlen Seele vom Dichter und Gatten, denn später ergriff die Lähmung und das Fieber des Todes sie und machte ihren Geist unempfänglich für zarte, rührende Eindrücke. Selbst der kleine Enkel konnte sie nicht recht erfreuen. Sie war oft vom Schwindel geplagt gewesen; ein krampfhaftes Zucken des Mundes und der Augenliden ließ einen apoplectischen Anfall befürchten. Das würde, sagten die Aerzte, sie, wenn auch langsamer, dem Tode zugeführt haben. Nun endigte gutmüthige Dienstfertigkeit, die ein Charakterzug bei ihr war, plötzlich ihr Leben. Eine arme Frau, die im Hause zuweilen waschen und dergleichen half, wurde krank. Christiane besuchte sie und bekam den Typhus! An dem letzten Tage ihres Lebens wo ich sie sah, lag sie wie in einer Betäubung, kannte mich kaum und als ich mit unterdrücktem Gefühl ihr Lebewohl sagte, machte sie eine mechanische Bewegung mit der Hand nach dem Munde zu. Ich ging untröstlich nach Friedrichsberg hinaus; aber da hatte ich keine Hütte mehr, keinen Winkel, in den ich mich hinsetzen und über meine Einsamkeit trauern konnte. Der Kaufmann Melchior, den ich früher von einer edeln Seite kennen gelernt hatte, erlaubte mir in einem Hause zu wohnen, das er in der Friedrichsberger Allee besaß, bis ich andere Zimmer finden würde. Kaum war ich dort hinaus, als mein Sohn Wilhelm mir die Nachricht von dem Tode seiner Mutter brachte.

In dieser Trauer kam Bröndsted zu mir und fragte mich mit seiner gewöhnlichen herzlichen Bereitwilligkeit, ob er mir irgend einen Dienst leisten könne? „Ja,“ antwortete ich, „das kannst Du. In diesem Hause kann ich nur einige Tage bleiben; ich weiß, daß das Schloßverwalterhaus leer steht. Da verbrachte ich, als mein seliger Vater noch lebte, manchen Sommer, und es würde mir Trost gewähren, wenn ich die Erlaubniß erhielte, jetzt wieder dort zu wohnen. Aber ich bin zu betrübt und niedergeschlagen, als daß ich zum König gehen und ihn darum bitten könnte. Willst Du es für mich thun“? — „„Ja, mit größtem Vergnügen!““ — Er ging. Den Tag darauf kam er wieder und brachte mir einen Brief, den der König mir geschrieben hatte, in welchem stand, daß es Sr. Majestät freue, meine Trauer lindern zu können, und daß er gleich Befehl gegeben habe, daß das Schloßverwalterhaus mir für diesen Sommer eingeräumt werde. Dafür hatte ich nun meinen guten Bröndsted zu danken, wenigstens dafür, daß es so schnell geschah; denn mir selbst wäre es in meiner Gemüthsbewegung unmöglich gewesen zum Könige zu gehen.