Die Aufführung von Dina.
Ehe ich nach Norwegen reiste, wurde Dina aufgeführt und machte vorzüglich durch das vortreffliche Spiel der Frau Heiberg Glück. Das Stück wurde sehr gelobt; die Tadler hielten sich nun daran, „daß ich der Geschichte Gewalt angethan, Ulfeld als zu schlecht und Dina als zu gut gezeichnet hätte; daß sie eine niedere Verbrecherin sei“. Aber Alles, was zu Ulfeld's Lob gesagt werden kann, habe ich ihm im Stücke gelassen; ich habe ihn nur auch mit seinen Schattenseiten gezeichnet. Daß ich durch die Idealisirung Dina's der Geschichte zu nahe getreten sei, können nur Thoren sagen. Dina ist gar keine historische Person. Ihr Auftreten ist eine Privatanekdote in Ulfeld's Leben; wenn diese mir Veranlassung dazu gegeben hat, und es mir geglückt ist, aus einem groben Feuerstein einen Diamanten herauszuschlagen, so ist dies ein Gewinn für die Poesie und kein Verlust für die Geschichte. Die strenge historische Wahrheit würde bei den meisten Stoffen die Dichterschönheit unmöglich machen. Hakon Jarl schlachtete thatsächlich seinen Sohn ohne Liebe; er verbarg sich, ehe er von seinem Diener gemordet wurde, in einem Schweinestalle; Palnatoke erschoß den Harald Blauzahn von hinten in einem Walde, wo derselbe bei einer gewissen Verrichtung saß; Hagbarth schlich sich nach der Kämpeweise nach Signe's Kammer und lag bei ihr, als er ergriffen wurde. Habe ich auch hier die Geschichte verunstaltet? Sophokles sagte zum Euripides: „Du zeichnest Deine Helden, wie sie sind, ich wie sie sein sollten“. „Aber“, wird man sagen, „Du hast Ulfeld eines Meuchelmordes beschuldigt“. Das habe ich nicht gethan. Dina hat ihn dessen beschuldigt; selbst als sie zum Tode ging berief sie ihn noch vor Gottes Richterstuhl, und das Ganze blieb — ein ewiges Geheimniß. — Dies genügte dem Dichter. Ich habe jenes Motiv, welches die Triebfeder meines Werkes war, soviel als möglich moderirt. Es ist nur ein flüchtiger Gedanke des erhitzten Ulfeld, wird aber von der tragischen Nemesis festgehalten. Die Möglichkeit eines solchen Gedankens lag nicht außerhalb Ulfeld's Charakters, er war bei all seinen glänzenden großen Eigenschaften herrschsüchtig und rachgierig; und wenn gleich die Humanität gebot, seine Schandsäule niederzureißen, so wird doch die historische Wahrheit selbst nie leugnen können, daß zu großer Ehrgeiz und Stolz, sowie Mangel an Edelmuth und echter Tugend ihn zum Landesverrath getrieben haben.
Ole Bull.
Im Juni reiste ich mit meinem jüngsten Sohne Wilhelm nach Norwegen. Als Reisegefährte folgte uns der Violinist Ole Bull, der durch sein seltenes Talent einen nicht nur europäischen, sondern einen Weltruhm erlangte. Ich hatte oft Gelegenheit gehabt, diesen großen Künstler zu bewundern, aber auch mich über ihn zu wundern. Sein Leben ist merkwürdig: wie er als ein armer, unbekannter Musiker durch Paris kam, und von der äußersten Noth getrieben, beabsichtigte, in der Verzweiflung sein Leben zu enden, als er gerettet, gekannt, gehört, anerkannt, geliebt, verheirathet, und sich durch seine Concerte bald ein erkleckliches Vermögen erwarb. Seine musikalischen Leistungen waren ein Ausdruck seines eigenen Charakters; eine eigenthümliche Mischung von liebenswürdiger kindlicher Gutmüthigkeit und Milde, die oft durch eine unruhige Heftigkeit unterbrochen wurde. So wechselten die schönsten, schmelzendsten Töne und genialsten Phantasien mit einem plötzlichen, gellen Schreien der Saiten ab. Es war gleichsam, als ob Bull ein Vergnügen daran fand, mit launischem Wankelmuth die milde feierliche Stimmung zu vernichten, die er selbst erweckt hatte, und dieselben Zuhörer, die er soeben noch entzückte, durch eine Bizarrerie zu verletzen, die nicht ihn beherrschte, sondern die er in stolzer Laune hervorrief, wenn er wollte. Er kam mir oft wie ein Maler vor, der uns ein schönes Bild zeigt, das er soeben vollendet, und in dem Augenblicke, wo wir es genauer betrachten wollen, mit einem Pinsel darüber hinfährt und es wieder verwischt. Doch muß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir hörten manch' herrliches Stück, das nicht auf diese Weise abgebrochen wurde; und es ist höchst wahrscheinlich, daß diese Manier ihn im reifen Alter ganz verlassen hat. Keiner spielte ein Adagio von Mozart so anmuthig, wie er, hier verleugneten sich ganz jene grellen Töne einer zu heftigen Persönlichkeit. Ich sage, daß er ebenso in seinem Leben war: er machte zuweilen das Gute schlimm; aber mit der Kindlichkeit, die dem kräftigen, schönen, jungen Norweger so gut stand, war es ihm auch leicht, das Schlimme wieder gut zu machen.
Als er mir ein Mal auf dem Schiffe mißfallen hatte, weil er zu übertrieben auf die Schweden loszog, und ich fortging und mich auf eine Bank abseits setzte, kam er bald nachher auf allen Vieren kriechend und bellte mich wie ein Hund an. Das war nun eine ebenso originelle wie liebenswürdige Art, die Versöhnung herbeizuführen, und den Verstimmten zum Lachen zu bringen. Er besuchte mich mehrere Male in Kopenhagen. In Christiania, wo seine kleine hübsche Frau wohnte, die sich als Pariserin nicht recht in den Norden finden konnte, war ich zu Mittag bei ihm, und als wir reisten, war er so gut, uns einen seiner Wagen zur Fahrt nach Bergen, seiner Vaterstadt, zu leihen, wohin er auch bald reisen wollte. Er war außerordentlich stark; seine Arme waren wie von Eisen gegossen, und es ist wohl möglich, daß es seine allzu große Körperkraft war, die zuweilen ungeduldig die milden Töne unterbrach, während er mit dem Haupte schüttelte, daß ihm die Haare in die schönen braunen Augen fielen. Ein Beweis für seine Gutmüthigkeit ist, daß er mir seinen besten Wagen zu dieser Reise lieh. Er selbst beabsichtigte, in einem Wagen mit drei Rädern zu fahren; als man ihm aber vorstellte, wie gefährlich dies sei, wählte er einen großen Wagen, der nicht ordentlich die Spur hielt, und mit dem er auch ein Mal umwarf und beinahe den Hals gebrochen hätte. Als er vor dem Könige in Kopenhagen spielte, und Friedrich VI. ihn fragte, von wem er seine Kunst gelernt habe, antwortete er: „Von den norwegischen Felsen, Ew. Majestät!“ Der König, der an solche poetische Redensarten nicht gewöhnt war, und den Namen eines Menschen erwartet hatte, setzte das Gespräch nicht weiter fort.
Norwegische Bekanntschaften.