In Christiania besuchte ich meine alten Freunde und Gönner. Der Einzige, den ich nicht so fand, wie ich ihn verlassen hatte, war Sverdrup, der an Augenschwäche litt, und den ich nie wieder sah. Die Studenten begrüßten mich eines Abends im Hôtel du Nord mit einem Ständchen. Ich machte die Bekanntschaft Schweigaard's, eines der brillantesten Köpfe des Nordens, der Genie und Kenntnisse mit einem edlen Herzen verband, Dahl kam uns mit der alten Freundschaft entgegen, und seine gute Frau erquickte uns unter Andern mit schöner italienischer Musik. Collets empfing mich mit unveränderter Herzlichkeit. Auch meinen alten Reisekamerad Krog sah ich wieder, und lernte seinen Vater, den Staatsrath kennen, der, als ich das erste Mal Norwegen besuchte, in Schweden gewesen war.

Der Statthalter Baron Lövenskjold erwies mir viel Freundlichkeit und Ehre. Am Namenstage des Königs waren wir bei ihm zu Tisch, und bei dem dritten Toast bat er mich, Dänemark Norwegens brüderlichen Gruß zu bringen. Fünf Jahre darauf sah ich seinen Sohn in Dänemark; der begeisterte, tapfere Norweger kam her, um unter dem Dannebrog für die Sache unsers Vaterlands zu kämpfen. Seine ehrliche, derbe, herzliche Freundlichkeit rührte uns Alle. Er war oft bei mir auf dem Fasanenhofe. Als ich in die Stadt gezogen war, kam der Diener eines Tages herein und sagte: „Herr! draußen steht ein Soldat, der mit Ihnen zu sprechen wünscht.“ Ich ging hinaus. Die Gardinen waren der Sonne wegen herabgelassen; ich konnte das Gesicht nicht recht erkennen, und sah nur einen Soldaten in seinem groben Rock, mit Patrontasche und Säbel, der ehrerbietig an den Czako faßte. Es war Lövenskjold, der in den Kampf ging. Nachdem er sich bereits durch Tapferkeit ausgezeichnet und Dannebrogsmann geworden war, besuchte er uns wieder; wir hatten die Freude, ihn im Soldatenrocke an unserm Tisch zu sehen und auf sein Wohl zu trinken, ehe er seinem ehrenvollen Tode entgegenging. Er steht vor meiner Seele als ein schönes Ideal all' der edlen Norweger und Schweden, die mit ihrem Bruderherzen für uns stritten, und ihr Blut für uns wagten und vergossen.


Reise nach Bergen.

Den Reiseplan nach Bergen hatte uns unser Freund Holger Collet aufgeschrieben; und da der Staatsrath Sibbern einen Tag vorher eine weite Strecke auf demselben Wege gefahren war, so hatte er Pferde für uns bestellt. Holger hatte uns aber zu kurze Zeit gelassen, und obgleich wir eilten, so mußten wir doch an ein paar Orten doppelt bezahlen, weil man uns zur bestimmten Zeit vergebens erwartet. Der Weg führt größtentheils an Abgründen entlang, doch ereignen sich selten Unglücksfälle; denn die norwegischen Pferde sind ebenso wie die italienischen Esel daran gewöhnt, die Felsen auf und ab zu klettern. Zwei Dinge gehören zu den wichtigen Erfordernissen einer Reise in Norwegen: ein guter Kutscher und ein Cabriolet. Ersteren verschafften wir uns; aber statt des Cabriolets bekamen wir Bull's Chaise. Da diese nun ziemlich hoch war, so war sie auch gefährlicher; hatte aber auch wieder den Vortheil, daß sie beim Regen zugemacht werden, und daß man mehr darin mit sich führen konnte. Im Anfange erschien mir die Nähe des Abgrundes etwas bedenklich; aber man gewöhnt sich an Alles und es währte nicht lange, so ließ ich den lieben Herrgott sorgen und schlief ganz ruhig in dem bequemen Wagen. Selbst eine Stelle, wo ein paar Tage vorher eine Karre mit einem Pferde herabgestürzt war, machte keinen Eindruck auf mich.

Wir machten unsere Reise in vier bis fünf Tagen. Ich will hier nicht all' die Ruhepunkte aufzählen, sondern nur einiges Charakteristischen, dessen ich mich entsinne, Erwähnung thun. Am ersten Abend kamen wir in ein Haus, wo der Wirth und die Wirthin, obgleich Bauersleute, meine Biographie und mein Freia's Altar gelesen hatten, und sich alle Mühe gaben, uns nach besten Kräften zu bewirthen. Zu dem Ende brateten sie ein Spanferkel, das sie auf den Tisch setzten. Unglücklicherweise aber konnte ich Nichts davon genießen; denn es ist mir stets zuwider gewesen, von einem Spanferkel zu essen, das mit Kopf und Schwanz und geschlossenen Augen, fast als ob es noch lebte auf den Tisch kommt. Das Gefühl von einer Art Kanibalismus bei dem Genusse eines, wenn auch nicht Mitmenschen, so doch Mitgeschöpfes macht mir die Mahlzeit widerlich. Es darf keine Spur des verschwundenen Lebens mehr vorhanden sein, wenn die Fleischspeise schmecken soll. Nur durch diesen Selbstbetrug versöhnt sich unser, wenn auch nicht ethischer, so doch ästhetischer Sinn mit den Forderungen der Natur. Indessen kostete ich doch von der Speise, um den braven Leuten nicht zu mißfallen, die uns so gern Etwas zu Gute thun wollten.

Der Wagen wankte oft an steilen Punkten; das störte mich aber doch nicht in der Betrachtung der wunderbaren Natur. Norwegen besteht mit Ausnahme einiger großen Thäler aus lauter Felsen, zwischen deren Spalten die Flüsse dahinströmen. Zwischen dem Fluß auf der einen Seite und dem Felsen auf der andern erstreckt sich ein breiter oder schmaler Erdstreifen mit Ackerboden und einem Fahrwege zwischen sich und dem Flusse. Das ist Norwegen! Man hat so viel von dem kalten unfruchtbaren Klima gesprochen; nicht das Klima im Ganzen genommen ist es, das Norwegens Unfruchtbarkeit verursacht; hieran sind größtentheils die unglücklichen einzelnen Nachtfröste schuld. Eine einzige Nacht kann die Ernte eines ganzen Jahres zerstören. Was Norwegen besonders fehlt, ist Erde. Steine können nicht zu Brot werden, und Norwegen besteht größtentheils aus Steinen und Wasser. Aber wenn eine Zaubermacht die gegen Süden gewandten Bergabhänge hinreichend mit fruchtbarer Erde bedecken könnte, so würde Norwegen ein Paradies werden; denn das Klima auf der Süd- und auf der Nordseite des Berges ist durchaus verschieden. Wo die Sonne in dem Thale scheint, welches die Felsen vor Stürmen schützen und die Sonnenwärme verstärken, indem sie die Strahlen zurückwerfen, würde fruchtbare Erde den Fleiß des Landmannes durch die reichste Ernte belohnen.

Unser Kutscher fuhr rasch. Aber ein Mal hatte er schlechte Pferde bekommen, und wollte auf einer unwegsamen Stelle sie mit der Peitsche vorwärts zwingen, was wir ihm aber untersagten. Die Bauern umgaben uns in großen Haufen, darunter war auch ein baumstarker großer Bauer mit finsterm Gesicht, der sich uns erbittert und drohend mit wilden Blicken näherte. Glücklicherweise kam der Prediger dazu, der ihn beruhigte, sonst wäre es dem Kutscher und uns vielleicht auch schlecht gegangen. Dies war der erste und letzte Norweger auf meiner Reise, der sich mir unfreundlich zeigte.

Wir näherten uns dem Filefjeld, dessen Kamm jetzt, in der Mitte des Sommers noch an vielen Stellen mit Schnee bedeckt war. Hier aßen wir einen guten Rennthierbraten, und ein starker Bauer trug mich auf seinem Rücken durch den Schnee; doch nicht ganz ohne Schwierigkeit; denn ich war nicht so leicht, als er geglaubt hatte.

Von dort kamen wir nach dem Leerthale, wo Manöver gewesen war. Die Soldaten mußten von fernen Gegenden dorthin ziehen, um einen flachen Raum von genügender Ausdehnung zu finden, auf dem sie marschiren und exerciren konnten.