Von hier fuhren wir mit einer Abtheilung norwegischer Soldaten auf einem Dampfschiffe nach Bergen wo uns meine geliebte Maria und ihr Mann auf einem Boote im Hafen entgegenkamen. In dem Augenblick, wo ich aus dem Schiff ins Boot steigen sollte, mußte ich, als ich mein geliebtes Kind wiedersah, meine Gefühle unterdrücken, um nicht ins Wasser zu fallen. In der Stadt erwartete uns ihr Wagen, und nun fuhren wir rasch den herrlichen Weg entlang bergauf, bergab nach Steen.
Aufenthalt bei meiner Tochter.
Bei der Einfahrt in Konow's Gut stand in dem Thore das Kindermädchen mit dem kleinen Harald, der seinen Großvater an der Grenze empfangen sollte. Durch eine lange Allee mit gut bebauten Feldern zu beiden Seiten, von nackten, hohen Riesenfelsen begrenzt, kamen wir nach dem traulich und schön eingerichteten Hause. Hier verbrachte ich sechs glückliche Wochen im Schooße meiner Familie. Meine Maria spielte mir täglich einige der Mozart'schen und Beethoven'schen Compositionen vor, die ich stets so gern hörte, und ich ging daran, meine Tragödie „Erik Glipping“ zu vollenden, die ich bereits im Fasanenhofe begonnen hatte. In Bergen besuchte ich den herrlichen Christie, der Stiftsamtmann gewesen, Staatsminister hätte werden können, sich aber mit dem Amte eines Zollinspectors begnügte, und einer der Begründer der norwegischen Constitution war.
Es währte nicht lange, so erhielt ich eine Einladung von Bergens Einwohnern aus allen Classen zu einem Feste im Locale der dramatischen Gesellschaft. Ich wurde von den Stiftsamtmännern Hagerup und Christie, dem Amtmann Schütz und den Directoren der Gesellschaft empfangen, und in des Prinzen Oskar Loge hinaufgeführt. Ungefähr fünfhundert Personen empfingen mich mit einem Liede und einem schönen Prologe von meinem alten Freunde, dem Oberlehrer Lyder Sagen. Später war Souper und Ball für über hundert Personen. Ich sprach meinen Dank für diese Ehre in einem Gedichte aus, das in meinen Sammlungen abgedruckt ist. Aber es blieb nicht dabei; die edlen Bergener erwiesen mir auf mehrere Arten ihre Zuneigung.
Je mehr sich die Abreise näherte, desto schwerer athmeten Maria und ich, und manche Thränen wischten wir fort, die sich am Ende doch nicht mehr verbergen ließen. Wir hatten Beide versucht unser Gefühl zu unterdrücken, wenn vom Abschiede die Rede war; aber wir wußten wohl, was wir einander waren, und der Gedanke an die schwere Trennung, die uns bevorstand, erschütterte uns. Eines Vormittags, als Konow und William ausgegangen waren, hatte ich mich in mein Zimmer gesetzt und las; als ich zu Maria hineinkam, fand ich sie an ihrem Nähtische still weinend. Ich fragte sie besorgt um die Ursache? „Du gehst von mir weg und liest,“ sagte sie, „während ich hier allein bin. Dazu hast Du Zeit genug, wenn uns mehr als eine Thür trennt.“ In solchen Zügen äußerte sich ihr schönes Herz.
In ein paar Bäume auf dem Wege nach der See zu hatte ich einige Worte eingeschnitten; gleich vornan in einen: „Lebe wohl!“ und weiter unten am Strande: „Auf Wiedersehn!“ Nun schnitten wir auch unsere Namen in einen Baum im Garten. Bei dieser Gelegenheit darf ich eines poetischen Charakters nicht vergessen. Die Sage von den Hausgeistern ist hinreichend bekannt: es sind gute, unschuldige Wesen, die mit größter Bescheidenheit nur wenig von Dem genießen, was man ihnen anbietet, und mit größter Freude allen nur möglichen Nutzen im Hause thun, während sie sich an die Familie anschließen. Freilich haben sie etwas Wunderliches an sich, aber das wird hinreichend durch ihr muntres Wesen und ihre innige Gutmüthigkeit ersetzt. Solch' einen Hausgeist besitzt Steen im Onkel Jahn. Ohne an den Speculationen und dem Handelsfleiße seiner Brüder, wodurch diese reiche Männer wurden, Theil zu nehmen, führte er ein abenteuerliches Leben, ging in seiner Jugend auf die See, und schloß sich später als ein reisendes Mitglied den Familien an. Auf Steen ist er der Abgott der Kinder, denn er lebt mit ihnen wie ein Kind, erzählt ihnen Märchen, spielt ihnen auf der Violine und der Mundharmonika vor, und sie haben kein Spiel, an dem er nicht Theil nähme. Aber er kann auch schmieden, zimmern und dem Hauswesen nützen.
Als nun Maria und ich zum Abschiede unsere Namen in einen Baum geschnitten hatten, fand Onkel Jahn die Idee so hübsch, daß er Lust bekam, auch den seinigen daneben zu stellen. Als ihm aber später Jemand sagte, daß sein Name nicht dahin paße, wollte er ihn durchaus wieder wegschneiden, und es kostete viele Mühe, ihn zu bewegen, daß er denselben stehen ließ.
So riß ich mich denn also aus den Armen meiner geliebten Maria. Um uns zu trösten, versprach der gute Konow, sie bald mit dem kleinen Harald nach Dänemark zu bringen. Und er hielt mehr, als er versprochen hatte, denn Harald kam mit noch zwei Brüdern.