Rückreise nach Kopenhagen.
Das Wetter war herrlich, es ging kein Wind, darum kümmerte sich aber das Dampfschiff nicht. Ich starrte lange nach der Küste hinüber, als ich an Steen vorüber fuhr, aber es war zu weit, um Jemanden sehen zu können, und das war recht gut; denn der Anblick der Geliebten würde die Wunde nur wieder aufgerissen haben. Beim Vorübersegeln betrachtete ich die große, schöne Stadt, die zwischen nackten Felsen eingeklammert liegt. Auch Norwegen hat in früheren Zeiten durch die Deutschen gelitten. Hier setzten sich die Hanse-Kaufleute fest und belästigten lange die Bergener Bürger. Die alten Heldenkönige, die hier gestrahlt hatten, wurden vergessen, selbst ihre Grabmäler in den Kirchen sind zerstört, und keiner wußte, wo sie gestanden hatten. Die nackten Felsen machten einen traurigen Eindruck; doch würden die der Stadt zunächst gelegenen nicht so unfruchtbar sein, wenn sie vor dem Viehe geschützt worden wären, das die hervorsproßenden Keime abnagt, wenn man das Ackerland nicht einhegt. Auf dem eingehegten Gute des Stiftsamtmanns Hagerup z. B. erstreckte sich das Grüne ein gutes Stück den Berg empor.
Um mich zu erheitern, hatte das Schicksal uns den herrlichen Rosenkilde auf das Schiff geführt. Diesen vortrefflichen Schauspieler, ebenso ausgezeichnet durch seinen Humor wie durch sein Herz, der sich auch im „Fest der Freunde“ als ein guter Dichter bewährt hat, kannte ich bereits seit meiner Jugend, wo er oft bei Madame Möller in der Weststraße aß. Er war auf einer Kunstreise begriffen, und kam von Drontheim. Das Wetter war so schön und ruhig, daß wir auf dem Verdecke Karten spielen konnten. Eine große Anzahl norwegischer Matrosen wurden auf dem Schiffe transportirt; jetzt hatten wir Gelegenheit, norwegische Seeleute zu sehen, sowie auf der Fahrt vom Leerthale nach Bergen Soldaten. Des Abends legten sie sich bis früh auf dem Decke zur Ruhe, und wenn wir Andern, die wir später zu Bette gingen, über das Verdeck gehen wollten, mußten wir über die schlafenden Matrosen wegschreiten. Ich fragte einmal den Capitain im Scherz, ob er nicht fürchtete, daß sie Aufruhr machen könnten? „Davor bin ich von moralischer Seite sicher,“ sagte er. — „„Genügt das?““ fragte ich. — Er zeigte auf fünf bis sechs Männer, die Riesen nichts nachgaben, und sagte: „Auf diese kann ich mich in jedem Falle verlassen.“
Es geht sehr langsam auf dieser Reise, weil man zwischen unzähligen Scheeren und Bänken in der Nähe kleiner Felseninseln dahin fahren muß. Ueberall gebraucht man Lootsen. Wir näherten uns einmal zwei solchen Straßen, deren eine breit, die andere sehr eng war. Aber gerade durch diese letztere mußten wir fahren, denn in der andern wären wir auf den Grund gelaufen.
In Stavanger, wo das Schiff sich einen Tag aufhielt, war ich in der Kirche, und sah das Taufbecken, in dem Steffens getauft worden war. Er kam ein Jahr alt mit seinen Eltern nach Dänemark; sie hatten gerade ein Jahr in Norwegen gelebt. Erst als Jüngling besuchte er Norwegen wieder; indessen hatte er doch das Recht Norwegen sein Vaterland zu nennen.
Thorwaldsen.
Im Jahre 1844 verlor Dänemark seinen Thorwaldsen. Er war ein paar Jahre vorher wieder in Italien gewesen. Sein Herz schwebte zwischen Süden und Norden. In Italien hatte er sein Leben von der ersten Jugend an bis zum Alter zugebracht. Dort hatte er sein Genie entwickelt, dort war er groß und weltberühmt geworden. Aber obgleich er Italien liebte, und die griechischen Werke ihm heilige Götterbilder für Studium und Kunst wurden, so brachte er nach Rom doch eine so stark nordische Persönlichkeit mit, daß weder Zeit noch Raum ihr Gepräge verwischen konnten, und wenn er uns besuchte, so war er in Wort und That, als ob er nie fern gewesen wäre. Thorwaldsen hatte, wie die meisten Künstler seiner Zeit, keine wissenschaftliche Erziehung gehabt. Sprachen waren nicht seine Sache; selbst seine eigne Muttersprache redete er schlecht; aber er war ein unvergleichlicher Meister in der Fingersprache. Wenn eine Sprache so vortrefflich ist, daß man in derselben das Höchste und Beste ausdrücken kann, und wenn man dies thut, so ist man beredt, selbst wenn man auch stumm wäre. Die Sprache selbst ist nur ein sinnliches Mittel um die Gedanken des Geistes und die Gefühle der Seele auszudrücken; unzählige Menschen schreien und grunzen, trotz ihrer Sprache, wie die Thiere, zwitschern wie die Vögel, schwatzen wie Staarmätze und Papageien. Wenn Mozart und Thorwaldsen die höchste Intelligenz in Tönen und Bildern ausdrücken, so hat weder die tiefsinnige noch die flache Metaphysik Recht, ihre Ideen undeutlich und dunkel zu nennen, weil sie dieselben nicht in Begriffe aufzulösen verstehen. Diese Begriffsauflöserei, diese bornirte Logik hat oft durch triviale Spitzfindigkeit die Begeisterung vernichtet, den Eindruck geschwächt und der Flachheit einen breiten Weg geöffnet, um den guten Geschmack durch Sophismen und Wortklauberei zu verderben. Die gesunde Logik, die wahre Philosophie steht in dem innigsten Verhältnisse zu Kunst und Genie, wie Minerva zu den Musen; wir sprechen hier nur von dem Misbrauche, der sich am Häufigsten findet. Auf eine naive, aber gerade richtige Weise entwickelte sich Thorwaldsen's Kunst, stets auf dem praktischen Wege. — Man erzählt sich eine hübsche Geschichte, wie ein Deutscher, der sich seinen Kunstgeschmack durch Theorien und Abstractionen gebildet, zu ihm kam, kurz bevor er nach Rom reiste und als er eben ein paar Figuren componirt hatte, die für sein Alter merkwürdig schön waren. Der Fremde wollte wissen, welchen Weg er gegangen sei, welche Werke er studirt habe, um zum Ziele zu gelangen. Thorwaldsen, der all' das gelehrte Geschwätz nicht verstand, starrte ihn lange verblüfft an und sagte endlich: „Ach so! Sie wollen wissen, wie ich die Statue gemacht habe?“ — „„Ja, das möchte ich gern wissen!““ — „Das will ich Ihnen sagen,“ antwortete Thorwaldsen, der sich alle Mühe gab, recht deutlich zu sein, damit der Fremde ihn verstehen könne; — „ich nahm ein Bret, bohrte ein Loch hinein, steckte dann eine Stange in das Loch, nahm feuchten Thon, den ich um die Stange legte — und dann machte ich sie!“ Welch unbewußte herrliche Satire liegt in dieser scheinbaren Einfalt!
Aber Thorwaldsen wurde, als er nach Rom kam, ein gelehrter Grieche, denn er studirte die griechische Bildhauerkunst mit einer Tiefe und Gründlichkeit, von der kein griechischer Philolog eine Ahnung hatte. Canova war sein großer Vorgänger; ihm, dem Italiener und Römer, dem klugen Weltmanne, war es viel leichter als Thorwaldsen geworden, sich berühmt zu machen. Seine prächtigen Ateliers lockten die reiche beau monde herbei; lange Zeit standen Thorwaldsen's Meisterwerke unter elenden Bretterschuppen; er selbst war unordentlich gekleidet, sprach die fremden Sprachen schlecht — und war ein Däne! Was konnte man aus Dänemark erwarten? Aber echte Kenner ließen sich doch nicht durch den Schein blenden. Der reiche Engländer Hope bestellte eine Marmorstatue seines Jason, dessen Thonmodell er, in seiner Verzweiflung, im Begriff war in Stücke zu schlagen, als er nach Hause reisen wollte, weil er keinen Käufer fand. Und nun währte es nicht lange, so überstrahlte er in den Augen wahrer Kunstkenner Canova. Aber man darf doch nicht vergessen, daß Canova der Erste war, der den schönen, guten Geschmack zurückbrachte. War er etwas zu kokett und sinnlich in seinen Werken, so war die Thorwaldsen'sche Keuschheit vielleicht zuweilen etwas zu kalt, und daß Jener der Vorgänger gewesen, darf man nie vergessen! Voß's Louise steht an poetischem Werthe unter Göthe's Hermann und Dorothea; aber Göthe hätte Hermann und Dorothea schwerlich gedichtet, wenn Voß nicht vorher seine Louise geschrieben hätte. Während Thorwaldsen lebte und wirkte, besaß er am Ende seiner Laufbahn eine unbegrenzte Celebrität und Autorität. Später hat man in Deutschland auch angefangen, ihn zu bekritteln. Er könne sich nur in das Griechische versetzen; nicht die Kunst in die Gegenwart hinüberführen; trotz der göttlichen Apostel und des Taufengels war er nicht christlich genug; eigentlich sei er ganz besonders groß nur im Basrelief u. s. w. — Mir that es nur leid, daß er nicht die Götter des Nordens verherrlichte, da er doch aus Island stammte. Aber es ist gut, daß auch der Zukunft etwas zu thun übrig bleibt und vielleicht setzt Jerichau fort, was Freund und Bissen so gut begonnen haben.
Auf Nysöe bei Baron Stampe war ich oft mit ihm zusammen. Die Baronesse hatte ihm ein hübsches Atelier im Garten bauen lassen, und da vollendete er, im letzten Sommer, den er dort zubrachte, seine eigene Statue. Wie ein echter Baulundur steht er mit Hammer und Meißel da. Den letzten Winter und den letzten Tag seines Lebens war ich auch bei Stampe in Kopenhagen mit ihm zusammen. Er aß und trank gut, befand sich vollkommen wohl, saß mit mir auf dem Sopha und scherzte nach Tische beim Kaffee. Es stand ein Korb mit Visitenkarten auf dem Tische, in dem wir herumwühlten. „In alten Tagen“, sagte Thorwaldsen, „hatte man solche Visitenkarten nicht; da schrieb man die Namen auf wirkliche Karten.“ Einmal hatte sich eine Familie ein ganzes Spiel solcher Visitenkarten gesammelt, mit denen sie des Abends wieder spielten, wenn sie keine andern Karten hatten. „Ich kann nicht stechen“! sagte der Eine bei einer Partie. „„So gieb schlechtes Zeug zu““! sagte sein Aide, und da warf er den „Herzog von Württemberg“ drauf. Während dessen wühlte ich im Korbe umher, und fand eine Karte, auf der ein Name so klein gedruckt war, daß man ihn kaum lesen konnte; sie war aber wieder von einem Anderen benutzt worden, der seinen Namen sehr groß auf die Rückseite geschrieben hatte. „Hier ist eine Karte“, sagte ich, indem ich sie Thorwaldsen hinreichte, „die man recht gut gebrauchen könnte, wenn man Trumpf zugeben wollte“. Er sah auf den kleingedruckten Namen, konnte ihn aber nicht lesen. „Kehre sie um“! sagte ich. Er that es und las: „Thorwaldsen“. So scherzten wir mit einander. Aber plötzlich sagte er ganz ernst: „„Oehlenschläger! den kleinen Genius der Poesie, den ich gemacht habe, habe ich zu einer Medaille für Dich bestimmt““. — „O, mein guter Thorwaldsen“! sagte ich nun in ganz anderm Tone; „das ist zu viel“! — „„Nein, das ist es nicht““, entgegnete er, indem er sich erhob. Das waren die letzten Worte, die er an mich richtete. Wir gingen nach Hause; er wollte ins Theater, und es war ein Zufall, daß ich ihn nicht begleitete. Im Schauspielhause starb er; als eine schöne Symphonie gespielt war, sank sein Haupt herab, und er gab den Geist auf, — ohne Angst, ohne Schmerzen und Krankenlager, wie er es gewünscht hatte.