Im täglichen Umgange war Thorwaldsen mild und freundlich; doch konnte er auch verdrießlich sein; gegen mich war er es aber nie. Einige beschuldigten ihn des Geizes, und wer ihn nur aus einzelnen Zügen kannte, mochte vielleicht Grund dazu haben; aber man kann den Mann nicht geizig nennen, der oft für hohen Preis so viele Arbeiten von andern Künstlern kaufte, um diese zu unterstützen; ja sogar zuweilen mittelmäßige Werke (was seine Gemäldesammlung zeigt) nur um den Bedürftigen zu helfen. Dagegen liebte Thorwaldsen nicht die täglichen Ausgaben. Eine arme Jugend hatte ihn daran gewöhnt, sich Vieles zu versagen, ohne es zu vermissen, und später, als Alle darin wetteiferten, ihm Aufmerksamkeit zu erweisen, gewöhnte er sich zuletzt so daran, daß es ihm gar nicht einfiel, sie zu vergelten. Er liebte es nicht, Bedienten Trinkgelder zu geben, und es circuliren in Bezug darauf manche lustige Anekdoten. Er las nicht viel, ja man kann fast sagen, gar nichts, denn es kostete ihm Anstrengung. Im täglichen Verkehre hatte er Italienisch und Deutsch gelernt, sprach es aber mit dem schlechtesten Accent aus. Wenn er etwas componiren wollte, so las er ein paar Seiten in Voß's Homer oder benutzte höchstens eine Mythologie. Bei Stampe mußte ich ihm oft aus Holberg's Comödien und meinen Werken vorlesen. Man pflegte seine außerordentliche Bescheidenheit zu rühmen. Da er stets als ein unerreichbarer Meister betrachtet wurde, der nicht den geringsten Tadel verdiene, so ist es natürlich, daß er dieser Bewunderung mit einer gewissen schüchternen Verschämtheit begegnete. Das Genie kommt von Gott, und wenn das Werk gelungen ist, so steht der Meister mit einer kindlichen Naivetät da, die wohl auch Bescheidenheit genannt werden kann. Aber Thorwaldsen war so klar in seiner Kunst, daß er sehr wohl wußte, was er sei. Gegen Canova war er streng. „Sieh“, sagte er einmal in Rom zu mir, als wir das Atelier des großen Italieners besuchten — „der Riese da steht so schlecht auf seinen Füßen, daß er umfällt, wenn ich ihn mit dem Finger berühre. — Diese Gewänder sind Kohlblätter! — Da haut ein Fechter auf den andern ein, während dieser auf der Erde liegt; ein Straßenjunge würde doch warten bis er aufgestanden ist“. — Einmal saß er mit einem andern tüchtigen Bildhauer bei der Flasche. Sie hatten Beide etwas tief ins Glas geschaut. „Hör' 'mal, Thorwaldsen“! sagte der Andere nun munter, „Du bist ein großer Künstler, ein außerordentliches Genie; aber verzeih, daß ich Dir's sage — in Marmor kannst Du eigentlich doch nicht hauen“. — „„Sieh““, antwortete Thorwaldsen, „„wenn Du mir beide Hände auf den Rücken bindest und ich den Marmor mit meinen Zähnen nicht besser beiße, als Du ihn hauen kannst, so sollst Du mich einen Pfuscher nennen““! — Um dies zu verstehen, muß man wissen, daß Thorwaldsen mit dem reichen Genie und der großen Erfindungsgabe lieber seine Gestalten in Thon modellirte, was dann doch das eigentliche Kunstwerk war, als eine Copie davon in Marmor zu hauen, was eine beschwerliche und fast ängstliche Arbeit ist; denn theils kann man unerwartet auf blaue Adern im Marmorblock stoßen, theils kann ein einziger Fehlschlag die Statue verderben. Aber da die Marmorstatue für die Ewigkeit ist, so muß der Künstler sich darein finden, und das that Thorwaldsen auch, und er konnte den Marmor bis zur höchsten Vollendung bearbeiten, obgleich er in einzelnen Werken, bei denen die Idee die Hauptsache ist, das Rasche und Kühne dem Glatten und Gezierten vorzog.
Von Dem, was rings um ihn vorging, wußte er nicht immer Bescheid. Als man ihm bei seiner Ankunft die Pferde vom Wagen spannte und ihn nach Charlottenburg zog, wußte er nichts davon, bis man es ihm später erzählte.
Von seinem fürstlichen Begräbnisse, zu dem ich eine Cantate geschrieben hatte, die mit Gläser's Musik in der Frauenkirche aufgeführt wurde, spreche ich nicht. Dies ist ein Akt, der der Geschichte angehört und nie vergessen wird. Das Volk geleitete ihn; sein König kam der Procession in der Kirche entgegen. Dänemark trauerte, freute sich aber in seinem Schmerz über den großen Künstler, der nie sterben konnte. Später schrieb ich ein Gedicht: „Das letzte Lebewohl“, das König Christian mich bat, an seiner Tafel vorzulesen, wo die Mitglieder der Akademie der Künste versammelt waren. Alle Lakaien und Diener mußten hinausgehen. Der Oberhofmarschall holte selbst den alten Rheinwein, mit dem, nach alter Väter Weise, ein prächtiges Trinkhorn gefüllt wurde; und während das Horn, nachdem zuerst der König daraus getrunken hatte, von Mund zu Mund ging, las der Skalde das Gedicht vor.
In demselben Jahre wurde ich Ehrenmitglied der Akademie der Künste. Ich glaube, daß dies damals ganz besonders aus Pietät für Thorwaldsen geschah, da man wußte, daß es sein Wunsch und Wille gewesen sei. Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften in Kopenhagen wurde ich nie. So viel ich merken konnte, kam dies daher, weil man fürchtete, daß ich nicht einstimmig gewählt werden möchte und glaubte, daß es mir auf andere Weise nicht Freude bereiten würde.
Reise ins Ausland.
In diesem Jahre verkaufte ich das Verlagsrecht meiner Werke auf zehn Jahre an den Universitätsbuchhändler Höst, und sah mich dadurch in den Stand gesetzt, wieder mit meinem jüngsten Sohne William eine Reise ins Ausland zu machen. Auf dieser Reise schrieb ich meinen andern Kindern Briefe, aus welchen ich Bruchstücke mittheilen werde, um die charakteristischen Züge zu bewahren und dem Leser den frischen Eindruck der Reise zu verschaffen, wie er damals, ungestört und ungeschwächt durch spätere Ereignisse, auf mich einwirkte.
Berlin.
Berlin, den 9. Mai 1844.