Beim herrlichsten Wetter kamen wir um zwölf Uhr des nächsten Morgens nach unserer Abfahrt aus Kopenhagen, in Stettin an. Hier nun sahen wir das Mirakel, denn so kann man es wohl nennen, wenn man zum ersten Mal auf der Eisenbahn fährt. Es war mir wie Aladdin zu Muthe, als er vom Geist des Ringes durch die Luft geführt wurde — nur ging es viel bequemer und nicht so gewaltig auf und ab. Freilich sah ich nicht so viel wie Aladdin, erstens weil die Wände des Wagens mich daran verhinderten, und zweitens, weil auch nichts zu sehen war. Berlin liegt, wie Palmyra, in einer Wüste — damit seine schönen Paläste und Gebäude nicht durch die Natur verdunkelt würden. Wie möchten sie sich z. B. neben den Felsen Thelemarkens ausnehmen? Zwischen den Sandkörnern der Mark-Brandenburg aber sind sie wahre Riesen.
Am zweiten Tage meiner Reise saß ich bereits hier in Berlin und trank Thee. Am folgenden Tage (den 2. Mai) gingen wir zu Steffens, wo es von Fremden wimmelte, da — sein Geburtstag war. Ich sagte natürlich gleich, daß ich auch von Kopenhagen gekommen sei, um ihm zu gratuliren. Von dort ging ich zu Tieck, den ich zwar recht wohl, aber doch tief zusammengeknickt, und die Gräfin Finkenstein neben ihm mit einem grünen Schirm vor den Augen fand. Er erkannte mich nicht gleich, freute sich aber dann sehr und lud mich zu Tisch ein, wobei wir Steffens' Geburtstag feierten. — Am Sonntag fuhren wir auf der Eisenbahn nach Potsdam, um dem Baron Humboldt den Brief unsers Königs zu überreichen. Humboldt empfing mich sehr freundlich und ging gleich zu seinem Könige hinauf, um ihm zu sagen, daß ich anwesend, und einen Augenblick darauf kam er zurück, um mich zu ihm zu führen und mir zu sagen, daß ich zur Tafel geladen sei. Der König empfing mich mit großer Freundlichkeit, und ich sprach über Vieles mit ihm. — Humboldt fuhr mit uns, wie der König es bestimmt hatte, nach Sanssouci, und zeigte uns die Reliquien Friedrich's des Großen. — Nach der Tafel sprach ich mit der Königin, die sehr liebenswürdig ist, mit dem Prinzen Wilhelm und dessen Gemahlin. Als der König hörte, daß ich Dina mitgebracht hätte, lud er mich ein, es Dienstag Abend vorzulesen. Am bestimmten Tage fuhr ich Vormittags nach Potsdam. Steffens sollte beim Könige speisen. Nach der Tafel erzählte er, daß ich auch hatte dort sein sollen, daß es aber vergessen worden sei. Der König hatte Steffens zu meiner Vorlesung eingeladen. Dem König und der Königin gefiel das Stück, und er äußerte oft seinen lebhaften Beifall während des Vorlesens. Als wir gehen wollten — es war eine ziemlich große Gesellschaft — rief er mit lauter Stimme: „Baron Humboldt! Sorgen Sie als Ordenskanzler dafür, daß der Orden pour le merite, den Thorwaldsen getragen hat, Oehlenschläger gegeben werde! Es wird mich freuen, wenn er gerade diesen trägt“! Ihr könnt Euch meine Gefühle bei dieser großen Ehrenbezeugung vorstellen — die um so größer durch die Worte des Königs und seinen Wunsch wurden, daß ich Thorwaldsen's Orden erben solle. Ich dankte ihm mit gerührtem Herzen. Am Abend war es zu spät nach Berlin zu kommen, Steffens und ich blieben deshalb im Gasthof zum Einsiedler, wo wir, wie in alten Tagen — in demselben Zimmer zusammen schliefen, und dann am nächsten Morgen nach Berlin fuhren. — —
Dresden.
Dresden, den 27. Mai.
— — Wir waren oft bei Tieck; in einer großen Gesellschaft zu Ehren des 81jährigen Bildhauer Schadow im Wintergarten, einem herrlichen Gebäude, wo es aber besonders schön im Winter sein muß, wenn man von Blumen umgeben ist; jetzt steht der Frühling selbst in all seiner Pracht und beschämt die schönste Kunst. — Bei dem Könige waren wir zum dritten Male in Potsdam zu Mittag. Er bat mich freundlich, bald wieder zu kommen. Es rührte mich innig, von dem alten, großen Humboldt zu scheiden, der sich wie ein Vater gegen mich bewiesen, und dessen Herz ich gewonnen habe. Die Prinzessin Wilhelm kam uns gleichfalls sehr liebevoll entgegen, sie bat mich, Etwas in ihr Stammbuch zu schreiben und ich schrieb nach Goethe's Gedicht im Wilhelm Meister Folgendes hinein:
Was hör' ich draußen vor dem Thor,
Was in der Ferne schallen?
Laßt den Gesang zu unserm Ohr
Im Saale widerhallen!
Der König sprach's; der Kanzler kam,
In Schutz er selbst den Sänger nahm;
Der Kanzler war ein Weiser.
Gegrüßet seid, ihr edeln Herrn!
Gegrüßt ihr schönen Damen!
Welch reicher Himmel, Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen!
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit,
Lies dein Gedicht! Hier ist nicht Zeit
Sich staunend zu ergötzen.
Laut sein Gedicht der Sänger las,
Will Beifall gern gewinnen;
Der König ihm zur Seite saß,
Nah saßen die Fürstinnen.
Der König, dem es wohl gefiel,
Ließ ihm zu Ehren für sein Spiel
Ein goldnes Kleinod reichen.
Und warum sollt' ich wünschen nicht
Den Lohn der Dichterblüthe?
Nicht blos wer eine Lanze bricht
Genießt des Königs Güte.
Der Kanzler braucht nicht meinen Schmuck,
Er hat der Herrlichkeit genug:
Es freut ihn meine Freude.
Gerührt leer' ich den Becher aus
Und wünsch Euch mit Entzücken:
Das ganze königliche Haus
Gott mög' es hoch beglücken!
Ergeht's Euch wohl, so denkt an mich
Und danket Gott so warm, als ich
Für Eure Güt' Euch danke!
Bei Tieck hörten wir „Ritter Blaubart“, „Fortunat“, „der Kaufmann von Venedig“, „der Däumling“ und Aeschylos' „Eumeniden“ vorlesen. Der Theaterdirector, Herr von Küstner, nahm eigenhändig eine Abschrift von „Dina“; wir verließen Berlin und gelangten am Pfingstabend in Dresden an, wo wir jetzt in Stadt Rom, der lieben Gemäldegalerie gegenüber wohnen, und wo ich nun wieder andachtvoll vor Raphael's und Correggio's ewigen Meisterwerken gestanden. Ich besuchte sogleich den Theaterchef, Geheimrath von Lüttichau, bei welchem wir Shakespeare's Uebersetzer, den Grafen Wolf Baudissin, trafen.
Dresden, den 12. Juni.
Es giebt zwei Arten Briefe zu schreiben. Die eine, wenn der Brief sofort abgehen muß — und dann wird die Erzählung eigentlich nur das Gerippe der Reise; die andere, wenn man sich Zeit nehmen kann, und alsdann kann man — um bei dem Gleichnisse zu bleiben — dem Gerippe Muskeln, Adern, Nerven und Haut anlegen, und — wenn man selbst etwas Athem in seinen geistigen Lungen hat — auch der Nase des Reisegerippes einen lebendigen Geist einhauchen. Da ich nun heute Vormittag Zeit habe, — denn ich werde nicht, wie sonst um ein Uhr, sondern um drei Uhr speisen, weil ich von dem Prinzen Johann im Pirna'schen Garten zu Mittag eingeladen bin, — so will ich etwas mit Euch plaudern, meine lieben Kinder.