Es geht in der Natur, wie in der Kunst; sie wirkt am stärksten durch die Contraste; so z. B. kann man sich nichts Verschiedenartigeres denken, als Preußen und Sachsen. In Mark Brandenburg — namentlich um Berlin — ist weiter nichts als Sand, Wasser, die Linden und der Thiergarten — in Sachsen die schönste Natur, die man sich denken kann. Wir waren letzthin in Tharand, in einem anmuthigen, engen Thale, von steilen Gebirgen umgeben, mit der üppigsten Vegetation. Dort saßen wir an der Sonnenseite vor dem Hause und aßen zu Mittag. Was aber Häuser, Paläste, Einrichtungen und Militair betrifft, steht Preußen weit über Sachsen. Man muß die herrliche Haltung, den schönen Wuchs, das stolze, kriegerische Aussehen bei den Nachkommen Friedrich's II. und Blücher's bewundern. — Hier in Sachsen sehen die Soldaten erbärmlich aus! Gestern, als es regnete, und ich mit aufgespanntem Regenschirme dahineilte, hätte ich beinahe einer kleinen Schildwache in einem grauen Kittel, die ich fast gar nicht gesehen hatte, die Mütze vom Kopfe gestoßen; ich griff an den Hut und bat um Vergebung.
Letzthin sahen wir den Sommernachtstraum, den Lüttichau, glaube ich, die Artigkeit hatte, meinetwegen aufführen zu lassen. Felix Mendelsohn's Musik ist unvergleichlich — die Decorationen sind prachtvoll und das Spiel im Ganzen genommen, recht gut. Es hatten sich viele Zuschauer eingefunden; aber die Leute wissen nicht recht, was sie zu diesen alten Späßen und Schwänken sagen sollen, und dieselben, welche die Schauspieler in Töpfer's und Raupach's Stücken hervorrufen, schämen sich — mit gutem Grunde — Shakespeare zu applaudiren.
Wir haben jetzt auch Antigone hier gesehen und das Stück hat mich außerordentlich erfreut, mehr als der Sommernachtstraum. Das Theater war ganz im griechischen Style eingerichtet. Auf einer großen Erhöhung stand der Palast mit seiner Vorhalle; von hier aus führten Stufen zu einem Platze mit dem Altar und zu diesem hin bewegte sich der Chor von einer noch niedrigern Stelle aus. Das Licht kam von oben; eine bewegliche Wand von unten anstatt des Vorhanges. Architektur und Trachten ausgezeichnet. Fräulein Beyer als Antigone edel und rührend; etwas mehr Kraft hätte man wünschen können. Es machte auf mich einen tiefen Eindruck, dieses drittehalbtausend Jahre alte Meisterwerk zu sehen. Die Musik von Mendelssohn ist unvergleichlich. Was der Chor singt, kann man allerdings nicht verstehen, wenn man es nicht liest, wenn einem aber die Situation und der Hauptgedanke bekannt ist, drückt die Musik Alles bis zur Vollkommenheit aus.
Wir haben die Bekanntschaft eines großen Theiles der vornehmsten und gebildetsten Damen Dresdens gemacht, die Prinzessinnen von Holstein, die Fürstin Löwenstein, Generalin von der Decken, Gräfin Lynar, Frau Förster, und man muß jeden Abend nach dem Theater in der Gesellschaft erscheinen. Wir haben einen schönen Abend beim Hofrath Winkler verbracht. Auch bei einer Gräfin Eggloffstein sind wir eingeladen gewesen, die ungeachtet ihrer vornehmen Verhältnisse — sie war lange Zeit Hofdame — sich der Malerkunst ganz hingegeben und schöne Sachen ausgeführt hat. Sie bat mich, für ihr Album mich zeichnen zu dürfen. Den vortrefflichen Maler Hübner und das anmuthige Fräulein Beyer haben wir auch besucht.
Ein sehr liebenswürdiger, dienstwilliger Mann Namens Kraukling, Director des Museum, lange Jahre Herausgeber der Morgenzeitung, ein guter Freund von Tieck, hat mir einen Verleger für meinen Oervarodd und meine deutsche Uebersetzung von Wessel's „Liebe ohne Strümpfe“ verschafft. — Uebermorgen früh reisen wir mit dem Dampfschiffe nach Teplitz und von dort über Prag nach Wien.
Prag.
Wien, den 23. Juni.
— — Prag, diese große schöne Stadt kennt Ihr ja Alle; und wenn der liebe Gott sie nicht kennt, so thut es doch der heilige Nepomuk. Derselbe wird hier in seinem silbernen Sarge im Dome eifriger angebetet, als unser Herr Gott in den meisten andern Ländern.
Wir besuchten alle mögliche Kirchen, die sich durch Schönheit, Pracht und Größe auszeichneten, bis auf die Judenkirche, welche wie ein Schweinestall aussah; aber es ist ein antiker, merkwürdiger Schweinestall; er soll seine vierzehnhundert Jahre alt sein. Er müßte eigentlich in einem Museum für Alterthümer aufgestellt werden. Der König von Preußen ist ja mit einem guten Beispiele vorangegangen, indem er für Brandenburg die alte norwegische Kirche gekauft hat; und Brandenburg kann sie nöthig haben, denn die Religion drückt es nicht.