Wir waren auch in Mönchs- und Nonnenklöstern. Wir sahen eine Menge von kostbaren Monstranzen, die von einem Riesenmönche vorgezeigt wurden, der demjenigen in Walter Scott's Roman glich. Einige Spitzbuben hatten vor wenigen Monaten versucht, die Mönche todtzuschlagen, um die Kirchenjuwelen zu rauben; deshalb stand nun dieser mit seiner körperlichen Kraft vor dem Eingange als Schutz.
Wir sahen auch Wallenstein's Palast, Graf Nostiz' schöne Gemäldegalerie, und im Theater den Freischütz. In der Theinkirche erblickten wir auch unsern guten alten ehrlichen Tycho de Brahe, er lehnte sich in voller Rüstung und mit Metallschienen — nicht allein um die Nase[1] — an einen braunen Leichenstein, der in die Säule festgemauert war.
Auf unseren Wanderungen hörten wir die Harfenistinnen schöne böhmische Volkslieder singen — das heißt Melodien, denn vom Texte verstand ich natürlicherweise kein Wort.
Weil wir von Sprachen reden, muß ich auch eine Anekdote aus Prag erzählen, die uns in dem Prämonstratenserkloster passirte, während uns der Guardian oder was er sonst war, umherführte. Als er hörte, daß ich Professor sei, betrachtete er mich auch als einen Gelehrten und bat mich inständig, ihm zu sagen, in welcher Sprache ein Buch der Bibliothek geschrieben, über welches ihn noch Keiner hätte belehren können. Ich stand wie auf Kohlen; denn obgleich ich, wie Holberg's Jeppe „lange Jahre bei der Malice gestanden und meine Sprachen gelernt habe“, so war ich doch in Zweifel, ob meine Gelehrsamkeit sich soweit erstreckte, daß ich ihm sagen konnte, was kein Anderer wußte. Genug, das Buch wurde hervorgeholt, und denkt Euch einmal, es war Dänisch, eine alte Uebersetzung eines französischen Schäfergedichts. Jetzt werdet Ihr wohl begreifen, daß ich meine ungeheure Erudition in den glänzendsten Farben spielen ließ, so daß der Guardian über meine Gelehrsamkeit Augen und Ohren aufsperrte.
Endlich sind wir jetzt in Wien und wohnen „Zum Erzherzog Karl“. Wir haben unsern Minister Löwenstern besucht. Herr von Holbein hat, ohne noch das Stück zu kennen, „Dina“ hier zur Aufführung angenommen. Alles würde jetzt hier gut und angenehm sein, wenn nicht die Hitze uns den Genuß verdürbe; sie hindert uns aber, den größten Theil des Tages zu benutzen. Alles, was vornehm ist, rüstet sich zur Abreise oder ist schon abgereist. Aber Fürst Metternich ist doch noch hier und Löwenstern hat mir versprochen, mich zu ihm zu führen. Im Burgtheater sah ich den ersten Abend „Die beiden Klingsberge“, von Kotzebue, eines seiner besten Stücke, ganz vorzüglich gespielt, besonders von Laroche. Ich glaube, daß es auf die Länge — aller Flausen ungeachtet — mehr Freude gewähren wird, den lustigen Kotzebue als den trockenen Scribe zu sehen. Gestern Abend sahen wir drei Akte von Don Carlos. Laroche war als König Philipp, — der bestgezeichnete Charakter des Stückes, — wieder sehr gut; Posa — der schon aus Schiller's Hand zu modern und subjectiv hervorgegangen ist, — wurde von einem Schreier verdorben. Dieses Stück hat in seinem Sujet und in allen den linkischen „Liebesgeschichten“ für mich immer etwas Unangenehmes gehabt, wenn es auch große Schönheiten besitzt; für die Bühne ist es von Anfang an nicht bestimmt, und es verliert durch das Zuschneiden.
Wien.
Wien, den 1. Juli.
Jetzt bin ich acht Tage in dem deutschen Paris gewesen, und konnte gern, was mich betrifft, weiter reisen, aber William ist solider und wünscht eine längere Bekanntschaft mit der Herrlichkeit dieser Welt. Der Grund, warum ich mich hier nicht angezogen fühle, ist theils, daß das Burgtheater geschlossen wird, und dann, daß es hier so fürchterlich heiß und so entsetzlich theuer ist, besonders das Fahren, und zu Fuße kann ich in dieser drückenden Hitze nicht weit gehen. Die Folgen hiervon sind, daß ich ganze Vormittage auf meinem Zimmer geblieben, nachdem ich alle möglichen Manövers mit Oeffnen der Fenster und Thüren, Herablassen der Rouleaux, Wasser- und Eau de Colognebesprengungen auf dem Fußboden versucht habe — und Bücher aus der Leihbibliothek gelesen. „Das haben wir nun zwar Alles besser und bequemer zu Hause“. Aber Ihr müßt Euch doch auch nicht vorstellen, daß ich — wie der selige Professor Mynster in seiner Jugend — acht Tage im Bette hier in Wien gelegen habe, um Jean Paul zu lesen. Ich bin trotz Allem viel umhergestreift. Als ein Beispiel der hiesigen Preise will ich nur anführen, daß wir bis jetzt für zwei Tassen Thee mit Butter und Brod fast zwei Thaler Dänisch bezahlt haben; jetzt trinken wir Bier. Deutschland ist ein Bierland und selbst in den Weingegenden hat das Bier dermaßen um sich gegriffen, daß man fast keinen Wein trinkt. Das Bier ist in unsern Tagen Mode geworden, es drückt die Begeisterung und den Geschmack der Zeit aus; es ist die Hyppokrene des Tages.
Wien, den 4. Juli.
Ich bin zu Mittag bei dem Fürsten Metternich gewesen; der Ton bei dem Mittagstische war munterer und ungenirter als am Abende. Die Fürstin war sehr freundlich. Vor Tische zeigte sie mir einen Papagei aus Neuholland, dessen Brust mit hellen rosenrothen Federn bedeckt war und der allerlei Künste machen konnte: wie todt auf dem Tische liegen, mit dem Schnabel an ihrer Hand hängen, schaukeln wenn sie ihn bei den Füßen faßte. Sie ist eine sehr schöne Frau — die vierte des Fürsten Metternich — und dieses Exercitium mit dem Vogel hätte ein treffliches Genrebild abgegeben. Nach Tische spazierten wir im Garten, der Fürst war sehr freundlich und mild, aber zu einem eigentlichen Gespräche zwischen uns kam es nicht. Ich erzählte von Norwegen, und brachte auch ein paar Anekdoten, die ihn ergötzten. Im Garten stießen wir auf eine Hecke, hinter welcher sich ein Stück Land befand, wo große Haufen Erde als Gebirge, große Steine als Felsen umherlagen, und auch ein kleiner See mit seinem Kanale gegraben war. Hier spielten seine Kinder, und fuhren Erde in Schubkarren, und der Gärtner half ihnen eine kleine Welt schaffen. Es war mir ein sonderbares Gefühl, den großen Politiker, der so viel Einfluß in Europa hat, in dieser kleinen Kinderwelt zu betrachten, wie er dem Gärtner sehr anempfahl: „Sie müssen ihnen da noch einen Wasserfall machen! Einen Wasserfall müssen sie durchaus noch haben“. Er wird jetzt alt; aber er hat ein herrliches, bedeutsames Gesicht; man sieht, daß er sehr schön gewesen. Er legte seine Hand ganz freundlich auf meine Schulter und lächelte, wenn ich dies oder jenes erzählte.