Den 12. Juli.
Wir sind bei dem Grafen Dietrichstein gewesen. Wir trafen die Familie desselben allein und unter derselben den Fürsten Dietrichstein, einen alten, freundlichen, weißhaarigen Mann. Den gelehrten Orientalisten Baron Hammer besuchten wir auch. Ich las ihm meine „Dina“ vor. Er hatte vor Kurzem seine Frau verloren und war sehr betrübt. „Es ist der erste frohe Tag, den unser Vater seit dem Tode der Mutter gehabt“, sagte der Sohn. Auch den Dichter Grillparzer habe ich getroffen, eine liebenswürdige Persönlichkeit, und bei dem Erzherzog Karl war ich in Baden zur Tafel geladen. Er und die Prinzessin waren höchst liebenswürdig und einfach. Ich saß neben dem Prinzen und wir sprachen unaufhörlich während der Mahlzeit. Als er hörte, daß ich einen Sohn bei mir hätte, sagte er: „Ach warum haben Sie ihn nicht mit hieher gebracht“. Er wohnt in einem Feenpalaste; in einem Paradiese. — Ein tüchtiger Maler, Namens Ammerling hat mich gemalt; ich habe ihm nur zweimal gesessen. In Blunck's Atelier freuten wir uns über seine geniale Darstellung der allegorischen Bilder: die vier Menschenalter, — vielleicht etwas zu allegorisch. Italienische und deutsche Opern haben wir gehört, wo Madame Heinefetter aus voller Kehle schrie. Letzthin hatten wir eines Nachmittags einen hohen Berg erstiegen; man forderte, ich sollte die Aussicht über Wien bewundern. Ich wischte den Schweiß von meiner Stirn und seufzte: „Ja hier ist es in der That allerliebst“. Mir fallen bei dergleichen Veranlassungen immer die Worte des Evangeliums ein: „Und der Teufel führte ihn auf einen hohen Berg, und wies ihm alle Reiche der ganzen Welt in einem Augenblick.“
Heute Abend bin ich zu einer Gesellschaft eingeladen, die mir vor dem Abschiede noch eine Ehre zu erweisen wünscht.
Den 13. Juli.
Die Ehre war allerdings so groß wie möglich. Ein großer Saal und zwei Zimmer waren voll von Gästen. Der Schauspieler Anschütz, der mir gegenüber saß, recitirte mit lauter Stimme fünf bis sechs schöne Gedichte an mich und ebenso viele Male wurde meine Gesundheit ausgebracht und von lautem Beifallsrufe begleitet. Der Dichter Grillparzer, der neben mir saß, überreichte mir einen Lorbeerkranz, und mein freundlicher Bewunderer — ich kann sagen, mein wahrer Freund — Graf Dietrichstein, saß an meiner andern Seite. Das Bild von mir, das Ammerling gemalt hat, war im Saale aufgestellt. Kurz, mir wurde alle mögliche Ehre erwiesen. — Gott segne Euch Alle, meine Freunde! — Morgen früh werden wir abreisen. Heute packen wir ein, machen einige Abschiedsvisiten, und dann — lebe wohl Wien, für diesmal und wahrscheinlich für ewig.
Gedicht von Anschütz.
Anschütz selbst hatte zu dem oben erwähnten Feste folgenden Trinkspruch gedichtet:
Ein Mann, der aufgeblüht im rauhen Norden,
Und dort zum Götterlieblinge geworden,
Griff jüngst zum Wanderstabe und beschloß
Für kurze Zeit die Heimath zu vertauschen
Mit fremden Land, um frei und fessellos
Des Nachbarvolkes Treiben zu belauschen.
Gedacht, und rasch gethan. Und siehe da!
Kaum, daß er sich im Nachbarlande sah,
Umströmt' ihn Jung und Alt, drückt ihm die Hand
Denn wer vergäß' ihn, der ihn je gekannt!
Bei seinem anspruchslos-bescheidnen Willen
Kann er die innere Größe nicht verhüllen.
Und wie die Glorie aus Allegri's Nacht
Zur Glorie der Unsterblichkeit ihm ward,
So strahlet um sein Haupt in Götterpracht
Die Wunderlampe Aladin's ihr Licht.
Hrolf, Krak, Correggio, Palnatoke's Fahrt,
Stärkodder, Hakon Jarl — wer nennt die Namen
Die er in einen Kranz zusammenflicht,
Und die durch ihn Unsterblichkeit bekamen!
Und nicht genug, daß ein unsterblich Leben
Ihm sein Genie im Vaterland gegeben,
In fremder Zunge trug er's übers Meer
Zu uns, zu den Beneidenswerthen her,
Und kann's ihn wundern, daß im Flammentriebe
Der Freundschaft, sich ein Volk ihm zugewendet,
Dem er die gleichgetheilte Bruderliebe
Wie seinem eigenen Vaterland gespendet?
Ist uns nicht diese Liebe doppelt Pflicht
Um etwas ihm den Kummer zu versüßen,
Der jüngst ihn traf mit lastendem Gewicht?
Er sah des Freundes Aug' im Tod sich schließen,
Den unter Tausenden er sich erwählt,
Weil er ihn gleich gestimmt fand, gleich beseelt,
Und Hand in Hand mit ihm am fernen Nord
Der Kunst eröffnet einen Friedensport.
Denn wie das Himmelsbild der Dioskuren
Auf offnem Meer des Schiffers Leitstern ist,
Durch Well' und Sturm ihn tragend, also fuhren
Die beiden an dem Himmel zweier Künste
Als Leiter hin, von Staunenden begrüßt,
Die auf dem Meer durch feuchte Nebeldünste
Umsonst dem Zwillingspaare nachgestrebt.
Der Eine ist der Heimath zugeschwebt,
Und nur der heiße Wunsch bleibt uns zurück,
Daß spät sie einst vereine das Geschick.
Drum Alle, die mein Auge sieht vereint,
Die ein Gedanke zu begeistern scheint,
Zum Becher greift! mit durstig langen Zügen
Leert bis zum Grunde ihn, reiht Euch mir an,
Ein Losungswort mag jede Brust durchfliegen:
„Ein Lebehoch dem nordisch-deutschen Mann!“