München, den 27. Juli.

Die Tour nach Linz auf der Donau war sehr schön. Durch reizende Gegenden gelangten wir nach Ischl, einem ganz modernen, aber auch sehr schönen Badeorte, der jetzt ein Sammelplatz der vornehmen Welt ist. Fürst Metternich war auch hier angelangt. Man sagte mir im Wirthshause, daß sein Bediente zweimal da gewesen sei und nach mir gefragt habe. Es regnete und ich ließ mich — das erste und vielleicht das letzte Mal in meinem Leben — in einer Portechaise nach seiner Villa tragen, aber — er war nicht zu Hause und das war recht gut; denn ich glaube, daß wir Beide niemals in ein ordentliches Gespräch gekommen wären, da unsere Naturen und Ansichten gar zu verschieden sind. Von hier gingen wir nach Salzburg. Man kann aber nicht immer gutes Wetter beanspruchen, jetzt wurde es regnerisch, und der Nebel hing an den Bergen, welches uns im Genusse der schönen Fernsichten sehr beeinträchtigte — doch klärte sich der Himmel gegen Abend auf. Am nächsten Morgen in Salzburg regnete es wieder. Wir wohnten — wie in Wien — im „Erzherzog Karl“ am Markte. Ich blickte aus dem Fenster und wurde eine große herrliche Broncestatue gewahr. Denkt Euch meine Gefühle, als ich die Entdeckung machte: dieses königliche Denkmal sei — Mozart! Zwar wußte ich, daß man ihm ein solches errichtet hatte, aber ich glaubte es nicht so groß und kostbar. Also hier stand er herrlich — von Schwanthaler — und ich blickte in dasselbe offne, freundliche, kräftige, sanguinisch-gefühlvolle Antlitz, umgeben von den vollen zurückgestrichenen Haaren, das wir so viele Jahre auf dem kleinen Kupferstiche bewunderten, den ich von unserm seligen Vater geerbt; ich sah ihn wieder, wie er über dem alten Pianoforte meiner seligen Schwester Sophie hing; demselben, an dem die selige Lotte und meine — Gott sei gedankt! — frische und gesunde Marie, während zehn Jahre sich übten. Von dem liebevollsten Gefühle getrieben, ergriff ich die Feder, und vermochte es aber nur schwach in folgenden Zeilen auszudrücken:

Mozart! stehst Du dort ein König, schön im Bronce, groß,
An dem Ort, wo Du geboren, wo so klein Dein Loos?
Als Du lebtest, Wen'ge kannten Dich, der oft verkannt;
So verwechselt stets der Haufe Glas mit Diamant!
Heiße Thränen muß ich weinen. Ach, nach Deinem Tod
Bauten sie Dir diese Säule, Dankbarkeit gebot;
Sie ließ Deinen Namen steigen aus dem trüben Dunst;
Denn Natur ist ew'ge Schwester von der ew'gen Kunst.
Mozart! mein geliebter Bruder! Ach — ein schwach Gedicht
Weih' ich Dir. Mit Augen sah ich Dich im Leben nicht;
Aber meine Ohren hörten, und mein Herz empfand! —
Nord und Süd? Wir hatten beide doch ein Vaterland.
Dank für Deine schönen Töne! Wie ein Zauber fällt
Deiner Flöte Lieder in Aladdin's Zauberwelt.
Melpomene hört' ich warnen in Erinnyenklang,
Als den schönen frechen Sünder Höllenglut verschlang.
Und die Lust des heitern Lebens, bunt und leicht und froh,
Als zum Ideal erhoben Frankreichs Figaro,
Hört' ich staunend — und der Liebe zarte Tändelei,
Als Susanna Du, Zerlina, rufest hold herbei.
Und wo Deine Lieder tönten, stark und süß und weich,
Wolfgang Amadeus Mozart! kannten wir Dich gleich.
O wie oft hast Du entzücket Nordens Dichterherz!
Und nun steh' ich hier und weine vor dem kalten Erz.


Auch Heydn liegt hier begraben. Es sind hier gleichfalls viele herrliche Denkmäler des Alterthums, unter andern eine in den Felsen gemauerte Höhle, die dem ersten Eremiten im vierten Jahrhundert gehört hat. Der jähe Fels erstreckt sich bis an die Häuserreihe der Stadt. Aber ich will nicht in detaillirte Beschreibungen verfallen — das thun Andere viel besser als ich — aus bereits gedruckten Büchern. Auch will ich nicht Veranlassung nehmen, die Geschichte Becker's oder eines Andern abzuschreiben. Ihr sollt mich in meinen Briefskizzen ganz und gar so erblicken, wie ich alter poetischer Knabe in meinem fünfundsechzigsten Jahre zu guter Letzt durch Deutschland und Frankreich u. s. w. wandere. Wie ich auch immer mehr und mehr dieses hochweise Kritisiren hasse! Nein! wie ein Kind gehe ich wiederum jetzt hier in München und erstaune, freue mich und werde von den unsterblichen Kunstwerken hingerissen, welche die Welt und künftige Zeiten dem Kunstenthusiasmus eines Königs zu danken haben. Ich bin kein Kritikaster, wenn man mir auch einen Fehler an Sachen zeigen will, die ihre großen Schönheiten besitzen; einen solchen Fehler hinterher zu entdecken ist leicht; aber fast unmöglich ihm da zuvorzukommen, wo so viel Großes und Herrliches plötzlich, wie durch einen Zauberschlag entsteht. Ich lasse mich auch nicht auf bürgerliche, wenn auch gegründete Klagen über einseitige Richtungen ein, unter welchen das Ganze leidet. Gott weiß es, daß Keiner seinen Nächsten mehr als ich liebt; aber ich weiß auch, daß lange Zeiten verstrichen, in welchen das Spießbürgerthum auf Kosten der Kunst und alles höheren Geistigen blühete; wenn jetzt vielleicht hier das Umgekehrte der Fall ist, so thut es mir leid, aber wenn die Jetztzeit kein Wort mehr zu uns redet, weil sie verschwunden und vergessen sein wird, so stehen diese herrlichen Werke noch für die Ewigkeit da.

Die Kunst in München.

Wir haben die großen Maler Kaulbach und Heß in ihren Ateliers besucht, auch in Schwanthaler's Atelier sind wir gewesen. Er selbst war nach Italien gereist. Was soll ich sagen von diesen herrlichen steinernen, oft marmornen Gebäuden mit ihren Säulen, Fresken und Goldzierrathen, mit ihren Schätzen von Gemälden und Bildhauerarbeiten. Hier gäbe es ein ganzes Jahr für jeden Tag etwas zu sehen — und wir müssen Alles in wenigen Tagen durchfliegen. Kaulbach und Heß sind große Meister; sie sind Cornelius ebenbürtig. Schwanthaler steht in genialer Production gewiß nicht weit hinter Thorwaldsen. Die Pinakothek besitzt einen großen Reichthum vorzüglicher Gemälde; aber Verschiedenes, das man für Werke Correggio's, Leonardo da Vinci's u. A. ausgiebt, ist schwerlich von diesen Meistern. Ich wunderte mich, als man mir einige kindische Schmierereien von Cimabue und Giotto zeigte; aber Dr. Ernst Förster (Herausgeber des Cotta'schen Kunstblattes) versicherte mir später, es sei nicht von ihnen und zeigte mir Zeichnungen, die er in Italien nach ihnen gemacht hatte, welche ganz anders waren. Der Commissionsrath Waagen, den wir von Berlin und Dresden kannten, erzeigte uns große Freundschaft, begleitete uns täglich auf unsern Wanderungen, und wir haben einen Abend bei ihm verbracht, wo ich meine Dina vorlas. Gestern Abend waren wir bei Förster, dessen freundliche, geistreiche Frau eine Tochter Jean Paul's ist. Es freute mich von seiner Tochter die Worte zu hören: „Er achtete Sie nicht blos als Dichter — er liebte Sie.“ Ich habe die Bekanntschaft des berühmten Philologen Thiersch gemacht; er kam mir außerordentlich freundlich entgegen, und als ich unseren Madvig nannte, sagte er: „Der ist unser größte Lateiner.“ — Es kitzelte mich in die Seele hinein, dies zu hören. Unser kleines Dänemark besitzt doch auch Leute, von denen sich jeder in seiner Richtung auszeichnet. Letzthin kam ein alter Mann, um mich zu besuchen; blickte mich mit seinen großen Augen an, und sagte freundlich: „Kennen Sie mich nicht wieder?“ Ich mußte verneinen; er aber erwiderte: „Und ich kannte Sie sogleich — Sie haben sich in den achtundzwanzig Jahren gar nicht verändert“. Es war der Baron Hormayr, der jetzt bairischer Gesandter in Hamburg ist. Er machte mir ein Geschenk mit seinem letzten Werke.

Den 30. Juli.

Gestern hatte man mir zu Ehren eine kleine Stunde außerhalb der Stadt eine Gesellschaft eingeladen und ein Fest veranstaltet, das sehr schön und ehrend war. Ich saß auf derselben Stelle, wo Thorwaldsen bei einer ähnlichen Gelegenheit gesessen hatte. Ein Becher nach dem andern wurde auf dänische und deutsche Bruderschaft geleert und drei Gedichte an mich wurden recitirt.