Heute habe ich das Schloß gesehen. Es ist schön und königlich, und die Hände herrlicher Künstler haben auch für die Ehre deutscher Dichter Sorge getragen: Göthe's, Schiller's, Tieck's, Wieland's. In der That, die Namen Cornelius, Kaulbach, Heß, Schnorr, Schwanthaler sind große Namen und der macht sich selbst nur klein, der sie verkleinern will! — Heute Abend habe ich ein Stück von Töpfer gesehen: „Karl XII. Heimkehr“, das miserabel ging und in welchem Karl XII. von einer Person gespielt wurde, die wie ein altes zahnloses Weib aussah. Morgen reisen wir nach Augsburg, um von dort nach Nürnberg zu gehen.
Augsburg. Nürnberg.
Paris, den 25. August.
Wir verließen einander in München, das sich immer mehr und mehr seines Namens würdig macht, da das Mönchswesen strebt die Oberhand zu gewinnen. Der gute König Ludwig hat so sehr viele schöne katholische Kirchen gebaut, in welchen die großen Künstler Engel und Heilige in übernatürlicher Größe auf goldenem Grunde gemalt haben. Da die Theater jetzt fertig sind, wird er auch in diesen die alten Mysterien aufführen lassen, und deshalb mystificirt er das Volk; ich kann es sonst nicht begreifen; daß es persönliche Bigotterie sein sollte, glaube ich nicht, und politisch ist es auch nicht.
Wir zogen also nach Augsburg, wo wir einen Tag verweilten, von dort alsdann nach Nürnberg, das ich noch nicht auf irgend einer meiner Reisen gesehen hatte. Ich sehnte mich nach dieser mittelalterlichen Stadt, ich gedachte daselbst einige Tage zu verweilen, wie früher in ihrer Schwesterstadt, Florenz, in Italien. Dort hatte ich nur mit Dante, Giotto, Brunelleschi, Benvenuto, Michel Angelo gelebt, hier wollte ich es nur mit Albrecht Dürer, Willibald Pirkheimer, Hans Sachs. Aber — der Mensch denkt, Gott lenkt. In Florenz stahl mir der Wirth einige Louisd'or; hier bekam ich einen unerwarteten Besuch von meinem alten, langweiligen Verwandten, den ich aber der Verwandtschaft wegen nicht die Thüre weisen konnte — mein guter, ehrwürdiger Herr Podagra. Ich war des Nachts im feuchten Wetter gereist und deshalb nahm Herr Podagra Veranlassung, mich mit seinem Besuche zu beehren, der eben so lange dauerte, als Gott brauchte um die Welt zu erschaffen, nämlich sechs volle Tage, während welcher ich im Wirthshause sitzen und mich langweilen mußte. Glücklicherweise war in Nürnberg doch eine Leihbibliothek. Ich las wiederum O'Meara's Buch über Napoleon, der auf Helena saß, von einem ärgeren Podagra heimgesucht, als das meinige war. — Nach sechstägigem Schiffbruche auf dieser Sandklippe wurde mein Schiff wieder flott, und ich nahm wieder den Wanderstab zur Hand. Ob nun aber das Podagra oder etwas Anderes mich grämlich gemacht hat, — genug, Nürnberg amüsirte mich lange nicht so sehr als das Spielzeug, das ich in meiner Kindheit von dort erhalten hatte. Zwar waren dort viele schöne alterthümliche Gebäude — der herrliche Brunnen auf dem Markte, eine große Menge Bilder aus der alten deutschen Schule; wir fuhren auch nach der Mäusefalle, wo Hans Sachs starb; aber — das kleinliche Philisterthum unserer Zeit, und besonders der Mangel an einer schönen Natur der Umgegend, machte mir den Aufenthalt bis auf einige herrliche Augenblicke unangenehm. Ich sehnte mich außerordentlich, wenigstens in einen schönen Garten hinaus. Unser Lohndiener versicherte uns, daß wir auf der Eisenbahn schnell einen herrlichen Ort erreichen würden — Fürth. Wir befolgten denn auch seinen Rath und kamen — wie soll ichs aber beschreiben? — an einen Ort, wo man unter einigen wenigen niederträchtigen Bäumen kaum einen Schatten von Schatten finde konnte; aber Bier gab es in Fülle. Ich war nahe daran, aus der Haut zu fahren, als ich, während William mit dem Lohndiener umherlief um die Unmerkwürdigkeiten des Ortes zu besehen, allein auf einem Stuhle dasaß mit meinem Seidel vor mir auf einem andern Stuhle (weil der Tisch über alle Beschreibung von Bier pichte) und meine Verzweiflung in Bier ertrank.
Frankfurt.
— — Frankfurt gehört nicht allein dem Mittelalter, sondern auch der jetzigen Zeit und da ich in der jetzigen Zeit lebe, so lebte ich auch etwas auf, als wir hier ankamen. Ich sah das noch schöne Haus, wo Goethe's Eltern gewohnt, und wo es ihm vom Anfange an so gut gegangen war. Nimmer konnte er sagen, daß er sein Brod mit Thränen aß und deshalb kannte er wohl auch nicht ganz „die himmlischen Mächte“, sondern gelangte nicht weiter als bis zu Jupiter, und bildete zuletzt sich selbst ein, er sei ein Jupiter. Aber mit kindlich treuem Gefühl für den großen Dichter betrat ich die Schwelle des Hauses und faßte den Griff der Thüre, den seine junge, kecke Hand so oft erfaßt und dachte: „wäre er immer doch ein frankfurter Doktor geblieben, statt eine weimar'sche Excellenz, so wäre er excellenter gewesen.“ Aber Gott segne ihn für all das Schöne, das er geschaffen und die Freude, die er mir und vielen Andern gewährt hat. Ich sah den alten Rathhaussaal u. s. w. und mein Genuß ward erhöhet, wenn ich dachte: auch diese Dinge haben Goethe's schöne junge Augen erblickt. Hier bekam er die ersten Ideen zu seinem Werther, Götz, Faust. Ich liebe ihn mehr, als ich oft selbst weiß: „O Neigung sage, wie hast du so tief im Herzen dich versteckt? wer hat dich, die verborgen schlief, geweckt? Ja Liebe, du wohl unsterblich bist!“ — Aber ich hätte auch verdient, daß er mich geliebt hätte — und es schmerzt mich bitter, jedes Mal, wenn ich diese Liebe vermisse. Jetzt wäre es doch vorbei gewesen! Und wo ich tiefe Sympathie finde, da finde ich auch Liebe in seinen Werken. — In der Bildergalerie fanden wir schöne Gemälde von Lessing, der seinem Namen Ehre macht. Auf dem Kirchhofe sahen wir Thorwaldsen's Basrelief in der Bethmann'schen Gruft. — Jetzt ging es also wieder nach Köln auf dem Rheine. Ja, gewiß ist er ein herrlicher schöner Strom und die Ruinen üben eine großartige Wirkung aus. Aber ich vermag nicht mehr die jugendliche Trauer über den Verlust jener Zeit zu theilen, ich kann nicht mit Friedrich Schlegel ausrufen:
Du freundlich ernste, starke Woge,
Vaterland am lieben Rheine,
Sieh' die Thränen muß ich weinen
Weil das Alles nun verloren.
Die Burgen, so die Ritter sich erkoren,
Traurig aus dem Wasser ragen,
Wo in schönen Vorzeitstagen
Hohe Helden muthig lebten,
Voll von Ruhm und Ehre strebten u. s. w.
Der Rhein.
Die meisten dieser Burgen waren Raubschlösser. Sie sind niemals schöner gewesen, als gerade jetzt. Die Raupe ist aus der Seidenlarve herausgetreten und jetzt kann das poetische Gefühl sich ein schönes Kleid daraus spinnen. — Das Dampfschiff gleitet mit großer Schnelligkeit dahin, besonders, wenn es mit dem Strome geht. Es ist doch eine herrliche Erfindung um von einem Orte zum andern zu gelangen. Allerdings Veranlassung zu Reiseabenteuern giebt sie nicht. Früher, wenn Reisende sich auf einem Schiffe oder einem Postwagen begegneten, war es fast, als wenn Robinsone sich auf einer Insel trafen; jetzt ist es, als wenn Fremde in einer Restauration, bei einem Billard, oder auf einer Promenade zusammentreffen. Aber — Der, welcher fremde Bekanntschaften sucht, findet sie dessenungeachtet; — und jetzt ist man auch nicht gezwungen, Bekanntschaften zu machen, sondern man kann, wenn man will, allein reisen, selbst mitten in dem großen Getümmel, etwas worauf ich für meinen Theil viel Werth lege.