Köln. Paris.

Und so gelangten wir in Köln an. — Welch ein wunderbares Werk ist doch der Dom! Ein echtes Bild der menschlichen Thätigkeit; das Höchste, das Herrlichste im Verein mit dem Unvollendeten, die schönste Kunst halbfertig. Dieser Chor, den der Ketzer Friedrich Wilhelm restauriren, wieder vergolden und malen ließ, ist über alle Beschreibung. Das Wunderbare hier ist nicht das Große, das Kühne; denn das finden wir auch an indischen und egyptischen Gebäuden, und in der römischen Baukunst ging die griechische Schönheit zum Heroisch-Riesenhaften über. Nein, es ist die echte — wie soll ich sie nennen — Humanität, die herab von diesen Säulen und Gewölben lächelt; in dieser Hoheit ist ein süßer himmlischer Friede, eine Sicherheit verborgen, wie in der Seele, wenn sie sich unschuldig und gut fühlt. Nicht die Schwärmerei oder geistige Trunkenheit des Mittelalters haben sie aufgeführt; diese Verhältnisse sind in einer hohen, rein menschlichen Seele entstanden. In dieser religiösen Erhebung ist Sittsamkeit und Tugend. Es ist sonderbar; aber es ist doch wahr! Deshalb ist auch all das Große hier so anmuthig; später, als der Chor fertig war, trieben die Mönche ihr Gaukelspiel. Es ergreift Einem ein sonderbares Gefühl, wenn man in der heiligen Dreikönigsgruft vor Gold, Silber und köstlichen Edelsteinen steht, wo Alles echt ist, nur nicht die heiligen drei Könige. Aber auf den alten Notenpulten liegen die ältesten Notenhefte, Pergamentfolianten. Sie rührten mich mehr, denn die heiligen drei Könige. — —

Paris.

Ueber Lüttich und Brüssel ging es nun nach Paris, aber sonderbar genug, nicht auf Eisenbahnen, sondern auf einer Diligence Tag und Nacht, und nun befanden wir uns denn in dieser merkwürdigen, großen Stadt, wo ich einige Jahre meiner schönsten Jugend verlebt und einige meiner besten Werke geschrieben habe. Wir stiegen im Hotel de Valois ab und begaben uns gleich des Abends in die große Oper, wo wir Robert le diable sahen und gute Sänger hörten. Am nächsten Tage aber hatte das abscheuliche Podagra sich wieder eingefunden, wahrscheinlich aus derselben Ursache wie letzthin, weil ich des Nachts im feuchten Wetter gereist war. Um es etwas besser zu bekommen, wechselten wir gleich das Logis und wohnen jetzt in Rue Richelieu Nro. 3. Hier bin ich nun wieder seit vier Tagen auf den Grund gerathen und zwar dem Theater français gegenüber. Nur zwanzig Schritte vom Eingange muß ich sitzen und sehen, wie die Leute sich auf der andern Seite der Straße in das Schauspielhaus drängen, weil die Rachel spielt. Aber heute befinde ich mich doch besser; die Sonne scheint, das Wetter scheint gut zu werden und es wird dann wohl auch bald mit mir gut werden, vielleicht heute noch.

Den 8. October.

Gestern beendete ich „Das Gespenst auf Herluf'sholm“. Und als das Manuscript fertig war, nahm ich es, wie gewöhnlich in die Hand und hielt es in die Höhe, indem ich bei mir selbst sagte: „Da ist wieder eine Arbeit fertig,“ Aber was geschah! Ich fing wie ein Kind zu weinen an und war betrübt, weil es jetzt fertig war und mich verlassen sollte. Ihr werdet sehen, daß es sehr national ist. Die Liebe zum Vaterlande und zu meinen Kindern ist die Ydun, die mich begeistert hat. Jean Paul sagt irgendwo, daß, wenn er einen Roman geschrieben, er oft so von der Heldin desselben eingenommen worden, daß es ihn zuletzt schmerzte, Abschied von ihr zu nehmen. Etwas Aehnliches habe ich oft gefühlt, und dieses Gefühl wird um so inniger im fremden Lande. Das Heimweh, das meine Jugend begleitete, fühle ich noch. Wenn dieses Gefühl, das der Grundton meiner Seele ist, immer die Oberhand gewänne, würde ich in eine krankhafte, schwache Sentimentalität verfallen; aber — da mein Geist kühn, munter und thätig ist, während meine Seele treu ihrer alten Liebe bleibt — so lebe ich auch noch immer fort, nehme an allem Schönen, Großen und Interessanten, das mir begegnet, Theil. Selbst an einem fröhlichen Mahl in guter Gesellschaft kann ich so vollständig Theil nehmen, wie ein sanguinischer Prälat — und Keiner würde mir ansehen, daß ich vielleicht am Morgen desselben Tages mit Abälard geweint, oder mit Dante die Augenbrauen melancholisch zusammengezogen. Kurz, es geht mir wie dem berühmten französischen Schauspieler Chenard, während der Revolutionszeit im Jakobinerklub. Gewiß, der Dichter muß diese Flexibilität mit dem Schauspieler theilen; sein Vortheil ist nur der, daß sie viel größer und mit mehr Selbstständigkeit verknüpft ist. Das heißt nicht Einseitigkeit, sondern Vielseitigkeit. Diese Vielseitigkeit verbietet ihm es ausschließlich mit irgend einer einzelnen Partei der Zeit zu halten, aber er hält es mit dem Guten bei ihnen Allen in Ewigkeit.

Bild von Paris.
Charakter der Franzosen.

Aber, Ihr wollt ein Bild von Paris, so wie es vor meiner Seele steht? Hm — soll es vielleicht so sein wie Goethe's Schilderung des römischen Carnevals? Das ist unmöglich! Weshalb? Weil Goethe's Schilderung Original war, und ich, wenn ich ihm nachahmen wollte, nur eine Copie liefern würde. Doch halt — jetzt geht mir ein Licht auf. — Paris hat sehr hoch hervorragende Schornsteine und Brandmauern; welche in der Entfernung den Häusern ihre Schönheit rauben. Die unterste Etage ist ein fortlaufender, ungeheuer großer, schöner, kostbarer Galanterieladen. Dieser Galanterieladen ist größer als Kopenhagen und besteht nicht allein aus Galanteriewaaren, aus Juwelen, Porzellan, Shawls, Stoffen, sondern auch aus Stiefeln, Würsten, Schinken, ja selbst aus Brennholz und Steinkohlen; denn Alles ist hier galant und nett bis zu einem gewissen Grade, insoweit man von der Straße und dem Laden aus es zu sehen vermag. Die schönste Eleganz ist mit Sicherheit und Annehmlichkeit verbunden. Deshalb die hohen Schornsteine, damit die Kamine nicht rauchen und die Häuser nicht abbrennen. Paris ist und bleibt der Mittelpunkt europäischer Cultur und — Humanität. Ja, es unterliegt keinem Zweifel, daß hier die größte gesellschaftliche Humanität in Europa zu Hause ist. Guizot (zu dem ich eingeladen gewesen und der mir große Artigkeit und Freundlichkeit erwies) hat ein Buch geschrieben „Cours d'histoire moderne.“ In einem Abschnitte desselben histoire de la civilisation en France, vergleicht er die Engländer, Deutschen und Franzosen. Die Engländer lobt er des Reellen, die Deutschen des Ideellen, die Franzosen aber einer Vereinigung beider wegen, wodurch sie der englischen Plumpheit und der deutschen Spitzfindigkeit entgehen. Hierin hat er ohne Zweifel Recht; die Engländer sind tiefer, die Deutschen höher, als die Franzosen — aber wenn eine harmonische Verbindung der Kräfte (welcher die einseitige Virtuosität zum Opfer gebracht werden muß) das am meisten Menschliche ist — denn wir können nicht Alles besitzen — so herrscht auch die Humanität nirgends mehr, als unter dem französischen Volke. Das alte Gerede von der Leichtfertigkeit und Unzuverlässigkeit der Franzosen ist aus der Luft gegriffen. Die größte Tüchtigkeit und Ehrlichkeit findet sich bei Vielen, bei sehr Vielen. Es ist keine kalte Höflichkeit, die den Franzosen zur Artigkeit bewegt, es ist bon sens, es ist feines, edles Menschengefühl. Die Franzosen machen einander nicht sofort große Aufopferungen, aber wer thut das? Wo ist die deutsche, englische, nordische Tugend, die das thut? Dem ehrlichen Finder wird ein raisonables Douceur versprochen! Die Franzosen besitzen zwar ein selbstbehagliches — wenn man will — eitles Gefühl ihrer Vorzüge — aber sie sind gutmüthig und wirklich bescheiden; das ist mehr, als man von den Norddeutschen sagen kann, bei welchen Einbildung und Neid nicht selten vorkommen. Was den Franzosen besonders noch fehlt, ist die Kenntniß mehrerer Sprachen. Dies erkennen sie aber an. Sprachunterricht im Deutschen und Englischen verbreitet sich bei den Kindern, und man findet oft ältere Leute — ich habe mehrere getroffen, — die gut Deutsch sprechen. In einigen Abenden bin ich bei einem General Baron Pellatier eingeladen, dessen eine Tochter den größten Theil von Jean Paul's Hesperus übersetzt hat. Man spricht so viel von französischen Thorheiten in politischer Richtung, man urtheilt aber nach den Oppositionsparteien der Zeitungen. Wo finden sich solche Thorheiten nicht? Es giebt auch hier eine große Masse billiger, vernünftiger Leute, und was nun die französischen politischen Thorheiten betrifft, die geschehen sind, so wollen wir darüber nicht die Nase zu sehr rümpfen! Mit seinem Blute hat Frankreich politische Experimente für ganz Europa gemacht. — Europa hat Früchte davon geerntet, und es würde unedel sein, den Nutzen, den man gehabt hat, mit Verachtung zu vergelten. Selbst die gräßliche Schlächterwuth während der Schreckenszeit der Revolution wird als ein Wahrzeichen dastehen, und die Zukunft vor dergleichen Auftritten bewahren und retten. Die Humanität herrscht hier; alle die alten aristokratischen Knaben- und Bubenstreiche liegen wie zerknitterte Papierblumen in dem alten Galanterieladen Faubourg St. Germain, und nur dort vielleicht noch in einem gewissen Zirkel, wenn man allein ist, wird die alte Menuett getanzt. — Aber selbst der französische Adel im Allgemeinen ist gar nicht so aristokratisch. Ich habe Marquis' und Grafen gehört, wie sie untereinander mit diesen alten Formen Spott getrieben. Es ist jetzt in Paris ein allgemeiner Grundsatz, daß in der guten Gesellschaft nur Geist und Talent als hervorragende Eigenschaften zur Geltung gelangen dürfen. Und welche Freiheit hier! Man lebt, wie es Einem beliebt. Klatscherei und Kleinstädterei findet man hier nicht. Alle Pedanterie verschwindet. Ueber Tische spricht man offen, warm und ernst — auch munter und fröhlich — und spaßt und spottet nicht immer (der Grundton der gesellschaftlichen Conversation in Kopenhagen) weil man sich genirt, sein Inneres herauszukehren und die Vertraulichkeit fürchtet, entweder weil man einander nicht traut, oder weil man aller Uneinigkeit entgehen will.

Ihr glaubt wohl, daß ich mich jetzt so in die Franzosen vergafft, daß ich in ihnen nur Götter erblicke. O nein! die Mängel springen ebensosehr in die Augen. So findet man, ungeachtet all der anmuthigen, geschmackvollen Eleganz, die das Leben schmückt, es angenehmer und gemächlich macht, einen Mangel an höherer Kunst. In der Baukunst und Malerei stehen die Deutschen weit über den Franzosen. Wenn man von den Denkmälern Salzburgs, Münchens, ja selbst Lüttichs kommt — ärgert man sich in Paris an irgend einer Straßenecke eine plumpe steinerne Theaterdecoration mit der häßlichen Wand eines Hauses als Hintergrund zu finden, und dort Molière — ziemlich plump gemacht — über einem Springbrunnen sitzend! Wäre es doch immer noch Lafontaine, so wäre es wenigstens ein Calembourg gewesen. Aber von neueren Sachen hat Paris auch nicht viel in diesem Genre aufzuweisen, und das ältere leidet zu oft an dem Mangel, den eine sklavische Nachahmung der Griechen verursacht; so z. B. die Madeleinekirche. Pantheon ist ein großes, edles Gebäude; hier ruhen Voltaire und Rousseau; vor achtunddreißig Jahren sah ich ihre hölzernen Sarkophage (sie sollten Stein werden — aber sie sind noch nicht versteinert). In der Kuppel befindet sich ein sonderbares Frescobild von Gros, in welchem viel Schönes mit viel Bizarrem vereinigt ist. Die alten Frankenkönige und Königinnen sind gut, aber Ludwig XVIII. überreicht die Charte geschniegelt und frisirt. Das möchte noch sein, wenn nicht Ludwig XVI. gleichfalls frisirt und geputzt, und gekrönten Hauptes in den Wolken säße, in der Hand einen Palmzweig haltend und singend, wie ein Engel. Cuvier's plump gemachte Statue fand ich im Museum des botanischen Gartens unter lauter ausgestopften und unvernünftigen Bestien. Von den hiesigen Malern ist Horace Vernet ohne Zweifel Derjenige, der sich den großen deutschen Malern am meisten nähert. In der Galerie des Luxembourg sah ich ein Bild von ihm: Raphael mit seinen Jüngern und Michel Angelo, das vorzüglich ist.