Besuch bei Louis Philipp.
Paris, den 8. Februar 1845.
— — Da ich weder die Gewohnheit habe, mich selber hervorzudrängen, noch mich zurückzuziehen, wo es Gelegenheit giebt, ausgezeichnete Menschen kennen zu lernen, so hatte ich fast viertehalb Monate in Paris verbracht, ohne den vielgerühmten König Louis Philipp zu sehen, oder zu sprechen, der nach seinem Besuche in England sich einige Zeit in Eu aufhielt und später nach Saint-Cloud kam. Eines Tages trat unser Minister Herr von Kofs bei mir ein und erzählte, daß Seine Majestät den Wunsch geäußert hätte, mich zu sehen, daß er deshalb mich und William nach Saint-Cloud führen wollte. Herr von Kofs machte uns darauf aufmerksam, daß es eine Auszeichnung sei, sofort zu dem Abendzirkel des Königs zugezogen zu werden. Wir fuhren also am nächsten Abend um acht Uhr nach Saint-Cloud und gelangten auf einer schönen, geheitzten Treppe durch prächtige Zimmer in das Allerheiligste. Hier saß die edle alte Königin mit schneeweißen Haaren an einem großen Tische und legte ganz still für sich mit zwei Spiel Karten Cabala. Die Schwester des Königs, Madame Adelaide, legte auch Cabala mit wenigeren Karten, und die Herzogin von Nemours, sowie die Prinzessin von Joinville, waren mit Handarbeiten beschäftigt. Wir wurden der Königin vorgestellt, die sich sogleich nach dem Befinden unseres Königspaares erkundigte, und sich mit vieler Liebe dessen Aufenthaltes in Paris erinnerte. Darauf stellte uns Herr von Kofs Madame Adelaide vor. Kurz darauf kam ein etwas bejahrter, rascher, starker Mann mit weißem Barte und Haaren, die zu ergrauen begannen, munter und schnell herein. Er war ganz bürgerlich gekleidet, die Uhrkette in ein Knopfloch der Weste eingehängt. Sein Gesicht war frisch und gesund, freundlich und lebhaft. Er grüßte uns als seien wir alte Bekannte gewesen, und leitete sogleich ein Gespräch über Dänemark und Norwegen und seinen dortigen Aufenthalt ein. Er sei in Kopenhagen unter dem Namen „Möller“ gewesen, habe auf dem großen Markte gewohnt, Vahl und Suhm besucht, und sei überhaupt überall herumgewesen. Als ich die Bemerkung machte: „Majestät finden gewiß nicht, wie so viele Franzosen, die es nicht kennen, daß Dänemark ein schlechtes Land ist,“ sagte er: „Es ist ein schönes Land, besonders Fünen; es ist die schönste Insel, die man sich denken kann.“ Er lobte gleichfalls Seeland und Holstein; er erzählte, daß er ein Creditiv auf das Haus de Conink gehabt habe — dasselbe sei nicht groß gewesen. Als er mit einem Schiffer von Kopenhagen abreisen wollte, und keinen Paß hatte, bemerkte ihm dieser: „Sie sind gewiß ein junger Mensch, der dumme Streiche gemacht hat.“ In dieser Weise sprach er eine ganze Stunde freundlich mit uns. Des schönen Norwegens und seines Aufenthalts bei den braven kräftigen Leuten erinnerte er sich gleichfalls mit großem Interesse. Als er sich zurückzog, bat er uns, den nächsten Abend im Theater zu erscheinen. Wir verbeugten uns dankend, erschienen auch am nächsten Abend in der prächtigen Versammlung. In Saint-Cloud ist es bei dergleichen Vorstellungen so eingerichtet, daß die königliche Gesellschaft sich von den Gemächern in die erste Etage begiebt; das Uebrige ist dem Publikum eingeräumt. Aufgeführt wurde: „Schwank über Schwank“, ein Stück, das in meiner Jugend bei uns oft gespielt wurde. Der König liebt das Alte. Ein anderes, kleineres Stück, das gespielt wurde, war nicht viel werth. Der König, der mir auch hier sehr freundlich entgegentrat, erzählte mir, daß dieses Stück von dem Sohne eines seiner alten Schulkameraden geschrieben sei. Er ließ sich noch ferner mit mir in ein Gespräch ein, und als England und dessen große Macht im Laufe desselben genannt wurde, und ich England das moderne Karthago nannte, sagte er scherzend: „Aber wir wollen doch nicht sagen, wie jener Römer: delenda est; ich halte auf den Frieden.“ Da ich eine friedliche Haut bin, so konnte ich mich nicht enthalten zu sagen: „Gott segne Ew. Majestät dafür“. Kurz darauf wurde der Hof nach Paris verlegt und es dauerte nicht lange, so wurde ich zur königlichen Tafel zu einem großen Diner eingeladen. Ich hatte vorher die Bekanntschaft der alten Marquise Dolomieu, Hofdame der Königin gemacht. Sie war die einzige, die ich kannte; sie nahm sich meiner sehr freundlich an und als wir zur Tafel gehen sollten, ergriff sie meinen Arm und machte sich selbst zu meiner Tischnachbarin. Es war eine außerordentlich reiche Tafel; der Tisch strahlte von Gold u. s. w. Wir saßen in dem großen Speisesaale, wo auch Napoleon gesessen hatte. Die Tafelmusik war schön und es rührte mich, als zuerst „O Richard, o mon roi! l'univers d'abandonne“ gespielt wurde — nach der Mahlzeit stand ich in einem Winkel im großen Saale, woselbst der Kaffee servirt wurde. Der König arbeitete sich durch die Menge zu mir heran, faßte mich bei der Hand und führte mich aus meinem Winkel ein gutes Stück nach der Mitte des Saales, wo er mich einem hohen, schönen Manne vorstellte und davon ging. Der große Mann erzählte mir auf Französisch, daß er alle meine deutschen Arbeiten kenne, und bat mich, ihn zu besuchen. Ich glaubte, es sei eine fürstliche Person von hier und sagte: „Ich würde die Ehre haben“. Ich war der Ansicht, daß er einige Straßen weiter wohne. Er verabschiedete sich freundlich von mir. Später sah ich, daß ein Hofmann ihn mit großer Ehrerbietung anredete. Aber noch ging mir kein Licht auf. Erst zwei Abende später, als ich in der Opéra comique in den Zwischenakten im Moniteur las, daß der König und die Königin von Belgien wieder abgereist waren, rief ich aus: „Hättest Du Dir nicht denken können, daß es ein König sein mußte, dem der König Dich vorstellte!“ Und ich hatte mit ihm gesprochen wie mit einer Privatperson; — Vous gesagt und nicht einmal Monseigneur. Aber jetzt muß ich doch über Belgien nach Hause zurückkehren, um ihn zu besuchen.
Bei dem Herzoge von Nemours waren wir kurz darauf zum Konzert eingeladen. Er ist sehr freundlich und artig, ein schöner blonder, junger Mann, doch sieht er nicht so zutraulich aus, wie der Vater, wie Joinville und Aumale. Man sagt, daß er schüchtern und verlegen ist; er steht gewöhnlich mit gekreuzten Armen; seine Gemahlin ist eine Schönheit.
Besuch bei Ludwig Philipp.
Weil nun der König mir so viele Freundlichkeit erwiesen, hielt ich es auch für meine Pflicht, mich, wie es Sitte ist, in den ersten Tagen des Jahres aufs Schloß zu begeben und dort meinen Neujahrswunsch darzubringen. Gaimard kam und holte mich und William ab; er war in Uniform, William gleichfalls; aber ich hatte keine und Gaimard sagte: „Ich könnte schon in meinem schwarzen Frack erscheinen“. Aber was geschah? In dem Vorsaale wurde ich von einem Kammer- oder Hoffourir sehr artig angehalten, indem derselbe mich fragte, ob ich Deputirter sei? Als ich verneinte, zuckte er die Achseln und bedauerte, daß ich alsdann nicht vorgelassen werden könnte, da Alle in Uniform sein müßten. „Ich habe keine“, antwortete ich, und wollte bereits wieder umkehren. Gaimard, der ein gutmüthiger Kauz ist, begann den Lakaien auf der Treppe zu erzählen, daß ich ein großer Dichter, le Corneille de Danemarc sei. „Je'n suis sur“, antwortete einer der Lakaien, aber sie hätten doch keine Ordre, den dänischen Corneille einzulassen. Gaimard wollte durchaus erst mit einem Adjutanten reden; da dieser aber ebenfalls Nichts ausrichten konnte, entschlüpfte ich Gaimard und begab mich nach Hause. William begleitete mich, obgleich er hätte bleiben können, weil er in Galla war. Aber ich warf mich selbst in die äußerste Finsterniß, woselbst — wenn auch nicht Heulen, doch Zähneklappern war, denn es war kalt. Indessen hatte Gaimard die Hoffnung noch nicht aufgegeben; er sprach wiederholt mit einem Adjutanten, der es dem König berichtete, und dieser befahl sogleich, daß man mich einlassen sollte. Aber fort war ich.
Einige Tage später war wieder ein Hofball in Uniform, zu welchem wir eingeladen wurden. Obgleich nun der König mir erlaubt hatte, in schwarzem Fracke, wie ein Deputirter zu erscheinen, so wollte ich mich doch ein wenig putzen — denn ich hatte gehört, man könne sich ein habit de goût machen — da ich aber keinen Gout an Dem fand, was der Schneider forderte, um meinen neuen schwarzen Frack zu verderben, so miethete ich einen dreieckigen Hut, decorirte denselben mit der Danebrogs-Kokarde, miethete mir gleichfalls einen Hofdegen, und in diesem Anzuge begab ich mich aufs Schloß. Der Hoffourir wollte mir auf der Treppe nachsetzen, fragte aber doch erst William, der hinter mir in Scharlach ging: „Ist das der dänische Poet?“ und als er bejahte, zog er sich mit den Worten zurück: „Er darf hinein“. So stolzirte ich also in dem ungeheuren Gewimmel von Uniformen umher, und wäre für einen Deputirten gehalten worden, wenn nicht meine fremden Orten, die ich, um mir doch ein Relief zu geben, angelegt hatte, den Scharfsinn der Pariser in Verlegenheit gesetzt hätten; sie betrachteten mich verwundert und wußten nicht, welchem der fünf Sinne angehörend sie mich betrachten sollten, ob dem Gesicht, Geruch, Gehör, Gefühl oder Geschmack. Daß es der Geschmack sein sollte, begriffen sie, trotz meines habit de goût wohl nicht. — Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich es für meine Dichterpflicht hielt, dem König Ludwig Philipp, der mir so viele Achtung und Freundlichkeit erwiesen hatte, dieselbe nach Kräften ein wenig zu vergelten, d. h. ihm einige Verse zu widmen, worin ich ohne Schmeichelei und auch ohne Kriecherei sein Verhältniß zu meinem Vaterlande und zu mir poetisch aussprach. Ich schrieb also ein solches kleines Gedicht ohne Ueber- und Unterschrift, und nahm dasselbe mit mir, als ich zur Tafel beim Könige war. Während des Gesprächs mit ihm — wir standen allein in einer Nische — sagte ich: „Majestät, ich habe ein kleines Gedicht an Sie geschrieben“. — „Haben Sie es bei sich?“ „Ja, ich habe es in der Tasche“. — „Geben Sie es mir gleich; ich werde es in meinen Hut legen, so wird es Keiner gewahr werden“. Ich gab ihm die Verse. Sie waren in deutscher Sprache und lauten:
Vor Frankreichs König soll ich stehen,
Er will den Dänendichter sehen,
Den Pilger, seinem Schlosse nah;
Sein Geist lebt nicht in engen Schranken,
Er ist der erste Fürst der Franken,
Der Dänemark und Norweg sah.
Sonst fragte man nach Norden wenig,
Er ist der erste Frankenkönig,
Der unsre ferne Sprache kennt.
Noch denkt er oft in heitern Stunden,
Wie dort er Ruh und Trost gefunden,
Als düster war sein Firmament.
In Norweg, wo er oft gesessen
In Hütten, wird er nicht vergessen;
Ludwig Philipp! Man nennt Dich gern;
Und zeiget aus dem stillen Thale
Nach Deines Ruhmes breitem Strahle,
Du funkelst jetzt als Abendstern!
Kennst Deutschland, Deutschland kennt Dich wieder,
Du hörtest seine besten Lieder,
Wo Tell gelebt und Winkelried,
So wagt sich auch getrost der Däne,
Und reicht dem Herrscher an der Seine
In deutscher Zung' ein kleines Lied.
Der Skald des Winters, Sohn von Brage,
Wünscht Ludwig — schöne Wintertage!
Denn schön ist auch des Winters Fest:
Trägt Frieden in dem weißen Schilde!
Die Sonne scheint und macht ihn milde,
Und tödtet jede Seuch' und Pest!
Einige Tage darauf hatte ich bei der Herzogin von Orleans, die ich bei den Hoffesten nicht gesehen hatte, eine Privataudienz. Sie kam mir sehr freundlich entgegen, redete mich gleich Deutsch an, sprach sehr anerkennend von meiner Dichterwirksamkeit und als ich fragte, ob Ihre Königliche Hoheit einige meiner Arbeiten kenne, sagte sie: „Ja, Alles was Deutsch geschrieben ist — die dänische Sprache verstehe ich leider nicht. Ich bin gerade jetzt bei einer Erzählung von Ihnen, welche ich mit großem Vergnügen lese, und ich erzähle sie meinem Sohne unter dem Lesen wieder“. Als sie nicht den sonderbaren, fremden Namen aussprechen konnte, fragte ich, ob es Oervarodd sei. „Ja, ja Oervarodd“, antwortete sie freundlich lächelnd. — Der kleine Graf von Paris wird, wie recht und billig ist, als künftiger König von Frankreich während seiner ersten Kinderjahre ganz Französisch erzogen. Die Mutter spricht nur Französisch mit ihm und jetzt übersetzt sie ihm den Oervarodd. Sie ist eine außerordentlich reizende, geistreiche Dame, und besitzt den edelsten Charakter. Als sie hörte, daß ich eine kleine dänische Tragödie hier geschrieben, und dieselbe bereits ins Deutsche übersetzt hätte, bat sie mich, ihr das Werk, wenn es gedruckt sei, zu senden. Sie erzählte mir, daß der König ihr mein kleines Gedicht an ihn gezeigt und daß es sie Alle sehr erfreut habe.