Die Brüder Rothschild.

Bei dem Diner beim Könige von Frankreich war ein kleiner Mann mit großen klugen Augen und einem Sterne auf der Brust zugegen. Er starrte mich mitunter an. Als der König mit mir gesprochen hatte, kam dieser Mann auf mich zu und fragte, ob ich ihn nicht besuchen wolle. Ich dankte verbindlichst und fragte, mit wem ich die Ehre zu sprechen hätte. „Rothschild“, sagte er. Welcher Zauber liegt nicht in diesem Namen! Als Klopstock seine Ode „die Gräber Rothschild's“ schrieb, dachte er gewiß nicht, daß dieser Mann in der Weise in der Geschichte strahlen sollte.

Als ich mich jetzt durch den Namen gewissermaßen in landsmannschaftlichen Beziehungen zu dem berühmten Hause fühlte, so nahm ich das Anerbieten an, und besuchte James Rothschild einige Tage später auf seinem Comptoir. Dort saß er vor dem einen, und sein um zwanzig Jahre älterer Bruder Salomon vor dem andern Pulte. Der Bruder hatte kaum zwei Worte mit mir gesprochen, so lud er mich auf zwei Tage später zu Mittag ein. James sandte einen Hausfreund, einen Advocaten Joël, zu seiner Frau, um zu erfragen, wenn es ihr genehm sei. Und es wurde dann sofort gleichfalls entschieden, daß ich andere zwei Tage später bei James sein sollte. Joël ist ein Schöngeist; ein Wiener, der bei den für mich in Wien arrangirten Festlichkeiten zugegen war. Salomon ist ein gutmüthiger Sonderling. Vor der Mahlzeit saßen wir und plauderten. „Ja“, sagte er auf Deutsch — bei ihm wurde heute nur Deutsch gesprochen, ungeachtet vierzehn Personen zugegen waren — „es ist gut genug, reich zu sein, es hat seine Annehmlichkeiten, seine großen Annehmlichkeiten, aber, glauben Sie mir, auch seine großen Lasten. Wir hätten ja, was uns selbst betrifft, nicht nöthig, die Geschäfte fortzuführen; da aber das Wohl so vieler Menschen davon abhängt, so fühlen wir, daß es eine moralische Pflicht ist. Ich arbeite viel und mein Bruder James reibt sich ganz auf; er arbeitet täglich von 8 bis 5 Uhr im Büreau.“ Als wir später von den Merkwürdigkeiten von Paris sprachen, sagte er: „Ich bin jetzt hier seit 1811 gewesen und habe noch gar keine Merkwürdigkeiten gesehen. Ich bin noch nie in Versailles gewesen“. Dagegen besitzt er selbst solche Feenpaläste in Paris, Frankfurt und Wien. Als wir gespeist hatten und die Uhr halb 9 geworden war, frug er bei dem Kaffee: „Was machen Sie jetzt, wenn Sie nach Hause kommen?“ — „„Ich lese etwas und trinke später eine Tasse Thee““. — „Das thue ich nicht,“ antwortete Salomon, „ich gehe zu Bett. Ich gehe jeden Abend um 8½ Uhr zu Bette und stehe um 4 Uhr auf“. — Seine Frau ist eine freundliche bejahrte Dame mit einem treuherzigen Gesichte. Man sagt von ihnen Allen, daß sie sehr wohlthätig sind. Bei James trafen wir Humboldt, der nach Paris gekommen ist. Hier wurde aber Französisch gesprochen. Eine Schriftstellerin, Madame Gerardin, war auch hier. Victor Hugo war eingeladen, hatte sich aber entschuldigt, weil er mit einer Rede viel zu thun hätte, die er in der französischen Akademie halten müsse. James' Frau ist eine anmuthige junge Dame von außerordentlicher Bildung und vielem Geschmacke und Liebe zur Poesie. Ich bin später bei ihr gewesen und habe ihr meine neue Tragödie vorgelesen. Einige Tage nach diesen Mittagsgesellschaften waren wir zum Ball bei Salomon. Es war ein ganz außergewöhnlich prachtvoller Ball. Die schönsten Zimmer mit andern kleinen Nebenzimmern verbunden, wie Corridors mit offenen Bogen. Ein großer Saal mit einer Tafel, prächtig erhellt von großen goldenen Armleuchtern, voll von Confituren und eingemachten Früchten zur beliebigen Auswahl der Gäste. Neben diesem Saale, gleichfalls unter Bogengängen, ein großer Conditorladen, in welchem mehrere Bediente standen und den Gästen alle Arten Eis, Limonade, Kuchen u. s. w. reichten. Aber dieses Alles war nur ein Vorspiel zu dem brillanten Souper, das die Gäste erwartete, das wir aber weder zu sehen, noch zu kosten bekamen, weil wir um ein Uhr nach Hause fuhren, vollkommen mit Dem zufrieden gestellt, was wir genossen hatten.

Villemain.

Gleich im Anfang unseres hiesigen Aufenthaltes führte uns Gaimard bei Arago und Villemain ein. Mit dem Ersteren hatte ich keinen weiteren Berührungspunkt. Wäre ich ein Komet gewesen, so hätte er mich ausgemessen und meine Wege kennen gelernt; jetzt war er so höflich einige Complimente an mich zu verschwenden und hiermit war meine Bahn zu ihm berechnet. Aber Villemain war ein Schöngeist und mit ihm hatte ich eine lange Unterredung, in welcher er sich sehr schön über fremde, besonders über englische Literatur aussprach. Es wollte mir eben nicht munden, daß er ein so großer Bewunderer Milton's sei; aber ungeachtet ich in seinen Aeußerungen viel Unrichtiges fand, waren sie doch ganz vernünftig. Er war sehr freundlich und sagte, er wolle mich bald in Gesellschaft mit andern Schöngeistern von Paris bei sich einladen. Es wurde übrigens nichts aus dieser Einladung. Einige Monate verstrichen; ich sprach ihn während dessen im Theater in der königlichen Loge, wir grüßten uns: „Ah, voila notre grand poëte chez le roi!“ sagte er freundlich, aber ließ sich nicht weiter mit mir ein. Kurz darauf erfuhr ich, daß er wahnsinnig geworden, der Arme! Man sagte, der Ministerposten habe ihn zu sehr angestrengt, er sei dazu nicht geschaffen, sondern hätte ein Gelehrter bleiben sollen. Er war früher, als ich, Professor der schönen Wissenschaften. Ich würde ebenfalls nicht zum Minister taugen; aber ich glaube auch, daß ich nie so verrückt werden könnte, es sein zu wollen.

Thierry. De Vigny.

Einen andern, ausgezeichneten, aber gleichfalls unglücklichen Gelehrten habe ich hier besucht: den berühmten Thierry, den Verfasser der Geschichte der Normannen. Thierry's Werk scheint mir nicht allein das beste geschichtliche Werk Frankreichs, sondern überhaupt des jetzigen Europas zu sein. Es verbindet mit geschichtlicher Genauigkeit und Quellenstudium die Wahrheit des Geistes, die Wärme des Herzens und die zu einem guten historischen Werke nothwendige poetische Einbildungskraft, Alles wiederum mit der kindlichen Naivetät verknüpft, die wir bei Herodot und Snorro bewundern. Welchen Gegensatz bilden hierzu nicht die trockenen, wenn auch gelehrten Werke Thiers' und Dahlmann's, in welchen der Grundton eine kalte Polemik ist. Thierry ist noch kein alter Mann, kaum fünfzig Jahre, wohlhabend, allgemein geehrt und geliebt, aber — er ist blind und epileptisch. An dem Abende, den ich bei ihm verbrachte, wurde er auf einem kleinen Stuhle in die Stube zu uns hereingefahren. Er drückte freundlich meine Hand und sprach ersichtlich gern mit mir über unsere alte Geschichte, während wir Thee und eine Art Kuchen genossen, die ihm ein guter Freund aus Mailand gesandt hatte.

Einen Dichter von Bedeutung, der mir hier freundlich entgegengekommen ist, muß ich nennen, es ist Graf Alfred de Vigny. Ich habe den größten Theil seiner Werke gelesen. Er schenkte mir ein Exemplar seiner Dramen und schrieb darein: Hommage de sympathie et de haute éstime de la part de l'auteur?

Victor Hugo.

— — Um jetzt wieder auf den großen Sieger, Victor — oder wie er der größern Deutlichkeit wegen auch genannt wird — Victor Hugo, Vicomte — zu kommen, so hatte ich, wie Ihr aus früheren Briefen wißt, zweimal versucht, sein Herz oder wenigstens sein Logis zu stürmen. Aber hier sitzt er eben so gut gegen Besuche gesichert, wie Reinecke Fuchs in seiner Burg Malepartus und läßt sich verleugnen, wenn es nicht gerade Sonntag Abend ist, an welchem er allen Lusthabenden Audienz giebt und sie zur Cour vorläßt. Außer diesen Festtagen ist es unmöglich, sich Eingang zu verschaffen, ungeachtet ein Schneider der einzige ist, der seine Festung vertheidigt. Dieser Schneider ist zugleich Thürhüter, und nimmt, auf seinem Tische hockend, mit großer Behendigkeit die Visitenkarten entgegen, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen. Da er gar keine Notiz von mir nahm, so dachte ich „was ist es auch der Mühe werth, Victor Hugo mit Gewalt zu nehmen? Das wäre eine Sünde, er will am Liebsten ungestört sein, lassen wir ihn; Paris ist groß genug für uns Beide!“