Madame Constant.

Ich habe bereits in früheren Briefen meiner treuen Freundin, Madame Constant, der Wittwe Benjamin's, gebornen Comtesse Hardenberg, Erwähnung gethan. Sie ist eine freundliche, gastfreie, alte Frau, die noch einen muntern Geist besitzt, aber in einer sonderbaren Weise ganz ihr Gedächtniß — vergessen hat! Doch kehrt dasselbe mitunter zurück. Aber — sonderbar genug! — ich wurde empfangen und wie ein alter Freund in die Familie aufgenommen; jedoch einmal während eines Gesprächs mit mir hatte sie ganz vergessen, daß wir einander vor achtunddreißig Jahren gekannt hatten, trotzdem dies gerade der Grund des liebevollen Empfanges war. Einst frug sie mich — obwohl, wie es der liebe Gott weiß, mein Französisch, bei weitem nicht klassisch ist, ob ich auch Deutsch spräche. Wir hatten schon sehr oft Deutsch mit einander geredet. Sie ist noch aus der alten, höflichen Schule, sogar dermaßen, daß sie ihre Katze Mademoiselle und ihren Bedienten Monsieur nennt. „Merci Monsieur“ sagt sie oft, wenn ihr derselbe einen Teller reicht. Doch dies Letztere könnte man vielleicht eher der neueren Gleichheit, als der alten Höflichkeit zuschreiben. Eine komische Anekdote gab hier in der Gesellschaft Veranlassung zu vielem Lachen. Die gute, alte Frau läßt ihren Gästen nicht allein einen guten Rothwein, sondern gewöhnlich auch ein Glas Champagner einschenken. Nun war ihr der Champagner ausgegangen, und sie schrieb deshalb an ihren Commissionair. Sie hatte schreiben wollen: Faites-moi un envoi, comme le dernier. Aber, da sie sehr distrait ist, schrieb sie: „Faites-moi un enfant, comme le dernier“. Dieser naive Wunsch einer Frau ihres Alters konnte nicht anders als das Zwergfell Derjenigen erschüttern, die den Brief gelesen hatten.

Gräfin Bourke.

Gestern (den 17) waren wir zu einem Fest bei der Gräfin Bourke. Vor einiger Zeit hatte ich bei ihr zu Mittag gespeist; doch die gestrige Einladung galt keiner Mahlzeit wo man ißt, sondern „wo man selbst gegessen wird“, wie Hamlet sagt — denn es war eine Einladung ihres Verwandten und Erben, des jungen Grafen Bourke, sie zur letzten Ruhestätte zu geleiten. Sie war eine alte einundachtzigjährige Frau. Als wir in das Trauerhaus traten, verletzte uns der Mangel an Feierlichkeit. Es waren keine Trauergardinen, keine Trauermäntel zu erblicken und das Gefolge trat, in seinem gewöhnlichen, täglichen Anzuge auf die Straße, fast wie zu einem Judenbegräbniß, heran, Einige in blauen, Andere mit grauen Beinkleidern — Alle aber mit schwarzen Handschuhen angethan. Außen am Hause waren einige schwarze Teppiche mit silbernen Fransen aufgehängt, der Sarg stand im Thorwege, der in eine schwarze Trauerhalle verwandelt war. In dieser Weise begleiteten wir zu Fuße die selige Gräfin. Aber die schöne Magdalenenkirche war in der Nähe; hier fanden wir die Feierlichkeiten. Die Kirche war mit schwarzen Teppichen, mit dem Wappen der Verstorbenen geziert, und inmitten derselben, von unzähligen Wachskerzen umstellt, wurde der Sarg unter einen prächtigen Katafalk gestellt, der hoch in das Gewölbe hinaufragte. Schöne, alte Seelenmessen und Hymnen erklangen aus den kräftigen Baßstimmen der Mönche mit den Discanten der Knaben; es war dies keine moderne Kirchen-Theater-Musik. Hätten nur nicht die Pfaffen den Eindruck durch ihre Manövers verdorben. Bald verbeugten sie sich vor unserm lieben Herrgott nach rechts, nach links, bald schritten sie dorthin, bald dahin; dann mußten die Knaben mit Kerzen die Stufen bald hinab, bald hinan steigen. Mir kam es vor, als suchten sie den Herrgott und — als sei er nicht zu Hause und sie müßten warten, bis er käme. Endlich trug man den Sarg aus der Kirche auf den Leichenwagen, nachdem erst das ganze Gefolge ihn mit einem Weihwedel besprengt hatte. Es ist dies ein schönes Bild der persönlichen Theilnahme. Diese schuldet jeder Mensch dem andern an der hohen Pforte der Ewigkeit, und als solche bedienten William und ich, obgleich Protestanten, uns gleichfalls des Weihwassers. Des echten Weihwassers erblickte ich in der ganzen großen Versammlung nur zwei Tropfen, in den Augen des jungen Bourke, als der Sarg hinausgetragen wurde. Die Verewigte war ihm eine gute Tante gewesen: Grafentitel, Reichthum — Alles hatte er ihr zu verdanken.

Brüssel.

Kopenhagen, den 20. Mai 1845.

— — In einem meiner frühern Briefe habe ich erzählt, daß König Louis Philipp mich, als ich einmal bei ihm zur Tafel war, bei der Hand faßte und zu einem Manne führte, der sehr freundlich mit mir sprach, meine Schriften in der deutschen Ausgabe gelesen hatte, und mich bat, ihn zu besuchen. Ich kannte ihn nicht, aber später fand ich heraus, daß es der König von Belgien sein müsse. Die Reise ging also jetzt wieder über Brüssel. Ich war etwas unruhig über diese Einladung, weil ich es immer hinausgeschoben hatte, mich näher zu erkundigen, und jetzt, da es zum Treffen kam, nicht genau wußte, ob es auch wirklich der König sei, der mich eingeladen hatte. Ich studirte vorher Kupferstiche und Büsten — mitunter fand ich Aehnlichkeit mit dem hohen, großen Manne, der mich eingeladen hatte, mitunter nicht. Coopmans, unser Chargé d'affaires, kratzte sich auch hinterm Ohre, und sagte: es sei so nicht die Gewohnheit des Königs. Ich antwortete: dann erzeigen Sie mir die Güte, den König zu fragen, ob er es erlaubt, daß ich ihm meine Aufwartung mache, indem ich durch das Land reise. Dies fand Coopmans in der Ordnung; ich wurde zur Audienz angesagt. Es war ganz richtig. Der König sprach lange und freundlich mit mir. Einige Tage darauf wurde ich zur Tafel geladen, wo ich die Königin, die Tochter Louis Philipp's, sah — eine sehr gutmüthige, freundliche Dame — und am Tage darauf reiste ich ab[2].

Hamburg.

Jetzt bekam ich gleichfalls Lust, wenigstens ein Stück von Holland zu sehen, umsomehr, weil es weder mehr Mühe noch mehr Geld erforderte. Wir reisten über die alte Stadt Antwerpen nach Amsterdam, einer interessanten Stadt, die fast aus lauter Kanalstraßen und Alleen besteht. Ich war auch hier genöthigt, einige Tage zu bleiben, um das Dampfschiff, das nach Hamburg ging, zu erwarten. Die holländische Sprache gefiel mir; sie klang mir wie Englisch, ohne französische Beimischung. Endlich kam das Dampfschiff an, wir gingen an Bord und erreichten bald und glücklich Hamburg, das ich gar nicht wiedererkannte; wir stiegen in Streit's Hotel am Jungfernstieg ab. Ich besuchte den Theater-Director Cornet, der uns gleich Freibillets gab, aber bedauerte, daß wir uns diesen Abend mit seiner kleinen Loge auf der Bühne selbst begnügen müßten. Sämmtliche Billets des ungeheuern Theaters waren schon vergriffen, Jenny Lind sang die Norma. Dort saß ich nun und sah die liebliche nordische Jungfrau nach allen den französischen Talenten — aber sie hat auch Talent und ein gutes Spiel unterstützt ihre ausgezeichnete Stimme. Es schien mir, als sei Freia von Walhalla herabgestiegen, um einmal die südlichen Musen zu vertreiben. Als der erste Act aus war, hätte das ganze hamburgische Publikum mich beinahe an ihrer Hand zu sehen bekommen, denn ich lief auf sie zu, und ergriff ihre Hand in demselben Augenblick, als der Regisseur: „von der Bühne“ rief, denn sie sollte nach deutscher Sitte hervorgerufen werden. Sie wußte gar nicht, was es für ein Mann sei, der sie so vertraulich anredete und ihr in nordischer Sprache dankte; als sie mich aber erkannte, freute sie sich, und gedachte des Abends, den sie vor einigen Jahren bei mir verbracht hatte.

Die Schauspieler wollten durchaus Correggio vor mir spielen, und somit geboten mir Höflichkeit und Dankbarkeit, einige Tage länger als bestimmt war zu verweilen. Baison spielte die Titelrolle gut aber ein wenig zu sentimental. Bei dem Conferenzrath Donner auf Neumühl war ich zu Mittag eingeladen; er hat dort eine herrliche Villa an der Elbe mit Arbeiten von Thorwaldsen und Nissen geschmückt. Etatsrath Nagel, der in frühern Tagen Amanuensis bei Brandis war, gab uns ein prächtiges Frühstück und fuhr uns nach Blankenese. Weil ich von Brandis rede, muß ich eine Anekdote erzählen. Als er in den letzten Athemzügen lag, sagte er: „Der dumme Apotheker N. N. sagte immer die meisten Menschen stürben gegen Mitternacht; und nun kriegt der verfluchte Kerl auch Recht, was mich betrifft, denn ich werde auch ungefähr zwischen 11 und 12 sterben.“