Skandinavisches Studentenfest.
Ein sonderbarer Traum.

Fasanenhof, den 5. Juli. 1845.

Meine liebe Maria!

— — Bei der großen Zusammenkunft der Studenten der drei nordischen Reiche, hatte mir das Comité vier Gäste, drei Schweden und einen Norweger, zugetheilt. Sie wohnten in der Stadt in meinen Zimmern; des Mittags kamen sie zu mir heraus und aßen mit mir zusammen, an den Tagen nämlich, an welchen keine öffentlichen Feste veranstaltet waren. Die Norweger und Schweden sind sehr beliebt, nicht allein bei den Studenten, sondern bei allen Einwohnern Kopenhagens. Eine so ungeheure Menschenmasse, wie die, welche sie vom Hafen aus nach der Universität begleitete, ist vielleicht noch nie in Kopenhagen gesehen worden. Viele Damen warfen Blumen auf die lieben norwegischen und schwedischen Gäste von den Fenstern herab. Ich bin überzeugt, daß die jungen Männer, von Achtung und Liebe für die Dänen erfüllt in ihre Heimath zurückgekehrt sind. Sie kamen auch im Zuge zu mir. Ich begrüßte sie in der großen Allee vor dem Fasanenhofe. Sie führten zwei Musikchöre mit sich, eins aus Upsala, eins aus Lund. Ein Docent Petterson aus Upsala hielt eine hübsche Rede an mich, und die Studenten sangen ein schönes Lied. Ich bezeigte ihnen meinen Dank, meine Freude darüber, daß der Funke nordischer Bruderliebe, den ich vielleicht durch meine Gedichte zu entzünden beigetragen, jetzt als eine Flamme in jeder nordischen Brust glühe. Ich sprach meine Freude darüber aus, daß mir so viele Ehre von einer so großen Versammlung in demselben Garten erzeigt werde, wo ich als Kind so lange Zeit einsam in meinen Träumereien umhergegangen sei. Ich bat sie, sie möchten, wenn sie einst wieder mit ihren Söhnen hierherkämen, und der Dichter-Greis nicht mehr sei, denselben sagen: „Hier schlug ein ehrliches, treues Herz für den brüderlichen Norden; in diesem sommerlichen Schatten besuchte ihn Ydun und lehrte ihn die Lieder, die noch leben, und durch welche er uns noch frisch und jugendkräftig grüßt.“ — —

Was soll ich Dir jetzt noch erzählen, was Du nicht bereits schon weißt? Ich wüßte nichts. Doch ja — ich habe diese Nacht einen wirklich kuriosen Traum gehabt, den will ich Dir, und zwar ohne alle dichterische Ausschmückung erzählen: „Es träumte mir, ich hatte ein schönes Miniaturbild für ein Taschenbuch gemalt. Alle Menschen sagten, wenn ich das herausgäbe, würde das Buch ganz vorzüglich gehen. Aber dann begegnete mir Winckler (ich war ihm gestern im wachen Zustande im Südfelde begegnet), er bat mich um das Bild — ich gab es ihm, und mußte später viel von meinen Freunden leiden, weil ich mich von einem solchen Schatze getrennt hatte. Aber dann setzte ich mich wieder ruhig hin und malte eine Daguerreotype so künstlich, daß, wenn man sie von einer Seite sah, war sie Maria mit dem Christuskinde, von der andern Seite stellte sie Christus am Kreuze dar. Dies fand man, sei noch besser, und versicherte mir, daß, wenn ich damit nach Paris ginge, würde ich mein Glück machen und großes Vermögen erwerben. Dies wollte ich denn auch; als ich aber erfuhr, daß Raphael zufällig in Kopenhagen sei, wollte ich ihm das Bild erst zeigen. Ich besuchte ihn und wunderte mich darüber, daß er einem vornehmen Manne hier ganz ähnlich sah. So sieht Raphael aus? dachte ich. Mit diesen Augen, diesem Blick hat er soviel Schönes und Herrliches gesehen und durchschaut! Ich zeigte Raphael meine Daguerreotype. Er wurde ganz roth im Gesicht und sagte: „„Etwas so Schönes habe ich noch nie hervorgebracht. Hätte ich es doch gemacht! Wenn das doch meine Arbeit wäre! Wollen Sie sie mir nicht schenken, ich könnte es dann für meine Arbeit ausgeben.““ — Ich war so geschmeichelt und so entzückt, als Raphael den Wunsch äußerte, mein Bild geschaffen zu haben, daß ich rief: „Ja herzlich gern“! und ihm das Bild gab, indem ich doch zugleich über seine moderne Frisur sann, und darüber, daß er ein so kurzes Hinterhaar hatte. Nun hatte ich auch diese Arbeit verschenkt, und mich selbst einer großen Einnahme beraubt, aber es war an Raphael. Ich trat später auf den Marktplatz hinaus, wo ich Raphael's Frau sah, auf einem Fleischerwagen sitzend, mit einer alten Kapuze auf dem Kopf; man sah deutlich, daß sie in ihrer Jugend schön gewesen, sie glich Frau S. Sie hielt das Bild in der Hand und fuhr damit auf dem vollgeladenen Fleischerwagen nach Paris; die großen Fleischstücke im Wagen zeigten sich noch meinem wehmüthig nachblickenden Auge, nachdem das Bild verschwunden war.“

War das nicht ein kurioser Traum? Ich glaube die Veranlassung desselben ist das Gefühl, das mich in dieser Zeit beherrscht, wo ich vier Theaterstücke drucken lasse, ohne sie auf die Bühne bringen zu können.

Heute Morgen, ehe ich noch frühstückte, ging ich in den Garten, und schnitt Georginen und grüne Rosenblätter für Deine zwei Portraits. Das Bild von Gärtner hängt hier in meinem Arbeitszimmer, das andere in dem großen Gartenzimmer, Vaters Büste, welche auf dem Ofen steht, gegenüber. Ich steckte die Blumen über die Rahmen der lieben Bilder. Doch das muß ich Dir sagen, dieser Gruß galt nicht allein Deinem Geburtstage, er ist Dir den ganzen Sommer hindurch gebracht worden. Die Georginen halten sich länger frisch als die Rosen; sie tragen den Namen Deiner seligen Mutter, und wenn ich die Bilder mit ihnen schmücke, däucht es mir, als sei sie, ein seliger Engel, dabei und spräche den Segen des Himmels über ihr Kind. Ich sage dann oft wie Walborg: „Ich grüß' Dich, meine Liebe! Guten Morgen“!

Aber höre jetzt — ich sitze nicht allein hier — eine große schöne Person, mit Blumen angethan, steht im Winkel am Schreibtische, dort wo mein alter Lehnstuhl stand. Diese Person ist — ein neuer Lehnstuhl, der gerade ganz akurat vorgestern hier eintraf, so pünktlich, daß er (oder sie) an diesem Tage in meiner kleinen Stube paradiren und Deine eigene Person vorstellen konnte. Das ist fast mehr Sinn und Herz, als man von einem Lehnstuhl zu erwarten berechtigt ist. Aber beste Maria! was hast Du auch nicht auf seine Erziehung gewendet! Ein wenig streng bist Du gewesen, denn für jede schöne Blume, die er mir bringt, hast Du ihm unzählige Nadelstiche versetzt. Doch — diese Nadelstiche schmerzten ihn nicht, und mir thaten sie wohl; es sind keine Herzstiche, das versichere ich Dir. Das einzige Schlimme an diesem Lehnstuhle ist, daß ich es nicht über mein Herz gewinnen kann, darin zu sitzen; vom Anlehnen will ich nun gar nicht reden. William hat mir vorgeschlagen, den Stuhl mit einem Netze zu überziehen; darin hat er Recht. In einem Netze will ich Deine Liebe fangen, damit sie nicht davonflattere.