O, weh' mir, dem es nicht gelang,
Ihr Schicksal noch zu wenden!
Denn eilig schon der Mörder schwang
Den Stahl mit beiden Händen!
Und, zielend nach dem Rosatuch',
Vertrauend auf den Zauberspruch:
So liess er, meinem Blick zum Grausen,
Den Schlag, wie Blitz, darniedersausen! — —

Entflogen war des Lebens Traum! —
Weit offen gähnt die Wunde!
Kein Ach erscholl! sie zuckte kaum,
Mit dem nun bleichen Munde!
Sie starb, mit allem Heldenmuth'!
Ein Purpurquell von klarem Blut',
Beschloss, als rauchende Fontäne,
Die hoch erhab'ne Trauer-Scene!...

Dem Markstein an der Grenze gleich,
Gebannt an seine Stelle:
So standen Beide, starr und bleich,
Der Mord und sein Geselle! —
Ein Angstruf, den ich laut vernahm,
Der aus der nahen Tiefe kam:
Vermochte nicht mit seinem Schrecken,
Der Zeugen Furcht in mir zu wecken. —

Das Tüchlein blieb ein Zaubertuch,
Für uns von Weltenschwere!
Es trug in sich der Nachwelt Fluch;
Der Jungfrau — Preis und Ehre!
Der Mörder sah zum Opfer hin,
Wie Kain nach dem Mord erschien:
Und nach hinabgewürgtem Grimme,
Vernahm ich der Verzweiflung Stimme:

»O, du, getaucht in Martyrblut:
Du Gott-gesandte Gabe!
Du Zaubertuch, das Wunder thut,
Im Sarge noch und Grabe!
Gespinnst, wie du der Welt dich nennst:
Gesponnen mir zum Nachtgespenst'!
Gewebe, mir zur Qual gewoben:
Lass dich von deiner Jungfrau loben!

»O Schönheit, wie noch keine war!
Von mir in Staub getreten!
Hier ist mein Tempel und Altar!
Hier lern' ich heute beten! —
Gebet? — Was solch ein Mörder spricht:
Erhört ein Gott im Himmel nicht!
Mir soll kein Paradies mehr grünen;
Ich muss hinfort der Hölle dienen

»Die Ehre — war dein Zauber-Spruch,
Dein Tuch dein Ritterorden!
Mir aber ist der Zeiten Fluch,
Und Schmach zu Theil geworden.
Ich folge dir, in schnellem Tod,
Doch nicht zu deinem Morgenroth!
Mein Schwert empfängt die Felsenquelle;
Den Leib der Strang, den Geist die Hölle!

»Dir Frieden, Leib in deinem Blut!
Dir Freude dort, du Engelseele!
Dein Grablied sei dein Heldenmuth!
Dein Denkmal diese Zauberhöhle!
Dein Geist, verklärt in Liebe, steigt,
Wenn Hoffnung mir und Glaube schweigt.
Ich — bin ein Labsal nur den Raben:
Dich wird der ew'ge Ruhm begraben!

»Du lächelst noch im Tode mild,
Als ob du mir verziehen!
Ich — werde deinem Schattenbild'
Im Tode nicht entfliehen! —
Hinaus! hinweg, von dieser Welt!
Die Bühne brach, der Vorhang fällt!
Komm', Hölle du, mit deinen Qualen:
Ich will dir meine Schuld bezahlen.« —

Nach diesem stürmt er wild hinab,
Den Richter in der Seele:
Zum Opfer am Sibyllengrab'
Der alten Liven-Höhle.
Da winkt ihm, unter festem Dach,
Und schweigsam, wie ein Lethe-Bach,
Und eisigkalt, doch rein und helle:
Im Felsenbett', die Felsenquelle.