Nun senkt er vor dem klaren Strom'
Den Mörderstahl danieder;
Und hohl ertönt im Felsendom
Das Wort des Fluches wider:
»Ein Opferpriester komm' ich heut'!
Dem Opfer fehlt noch Grabgeläut;
So lass' denn, Quelle, dich erwählen,
Von uns dem Volke zu erzählen!

»Du nahmest im Jahrtausendlauf',
Bei deinem Tropfen-Spiele,
So manche Thräne schweigend auf,
Und Opfergaben viele!
Hier tränktest du den müden Gast;
Hier fand er Schattenkühl' und Rast!
Dir Dank für Labe zu beweisen.
Empfange nun mein Mördereisen!

»Es soll, von edlem Blut' geweiht,
Zu dir hinab versinken;
Dann lass' mich Allvergessenheit
Aus deinem Borne trinken! —
Ein Opferlamm, so weiss und rein,
Geschlachtet auf dem Opferstein:
Ein Tugend-Leben, kranzumwunden,
Hat sterbend hier den Preis gefunden!

»Du Berggeist, der in Tiefen thront
In unentweihter Stille!
Du, Nixe, die den Quell bewohnt!
Begraben du, Sibylle!
Du reiner, flüssiger Kristall!
Und du im Lenze, Nachtigall!
Verkündet, wann ich längst gefallen,
Der Jungfrau Lob in diesen Hallen!« — —

Nach diesem, warf die Mörderfaust
Den Mordstahl in die Quelle;
Und, wie zum Hohne, zischt und braust
Die wild empörte Welle.
Darauf zu mir der Arge spricht:
»Verfolge meine Wege nicht!
Ergreife schnell die Flucht, und weiche,
Bevor ich würge dich zur Leiche!« — —

Gejagt, von unsichtbarer Macht,
Durch hell besonnte Fluren,
Entschwand er in des Waldes Nacht;
Ich — folgte seinen Spuren.
Es trieb mich, ohne Rast und Ruh',
Den dicht belaubten Höhen zu;
Wo quälend, unter Laub der Bäume,
Der Schlaf mich senkt in Todesträume!

Ich sah gezückt das Mordgewehr
Die Schauerlüfte spalten;
Gespenster zogen um mich her,
In blutigen Gestalten;
Bis nun die Todesbraut erschien,
In weisser Hand der Palme Grün;
Siegprangend, über Mord erhaben,
Umschwebt von tausend Engelknaben!

So war ich unter meinem Baum,
Verborgen, nicht geborgen;
Bis endlich aus dem schweren Traum
Mich weckt der junge Morgen.
Mein erster Blick, aus dem Versteck,
Erlugte, mir zu neuem Schreck:
Den Mörder, starr und ohne Leben;
Der selber sich den Tod gegeben!

Da hing, vergebens lang gesucht:
Der Flüchtling — eine Leiche
Wie eine Gift-belad'ne Frucht —
Am Stamm der höchsten Eiche!
Sein Angesicht, wie Asche grau;
Die Lippe Schaum, die Zunge blau;
Wie Wolfbrut fletschend, mit den Zähnen;
Das Haar gesträubt, wie von Hyänen! —

Und sieh, mein Weltenrichter kam,
Herab in seinem Grimme!
Das Ohr in meiner Brust vernahm
Die Donner seiner Stimme. —
Gewissen — bleibt kein leeres Wort!
Gewissen — treibt die Sünder fort:
Was tief im Busen sie bewahren,
Dem hellen Tag' zu offenbaren.