Wenn es Abend wurde und die Damen nicht ausgebeten waren, pflegten sie ungemein gern im netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.
Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die würdige Alte aufgezogen und erzogen, mit sorglichem Blick die ersten Schritte auf den erwählten Lebensbahnen eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen unterstützt, Glück und Gelingen, Krankheit und Noth all der ihr vom Gatten ganz überlassenen Kinder redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,« sagte der Gerichts-Advokat, »das Haus und was darin ziemt der Weiberhand zu regieren, meine Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller Stiefkinder, die ich nur ungern anerkennen mag, so fremd stehen sie zum Ganzen.«
Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne der Mutter Alslev an, von letzteren waren mehrere außerhalb verheirathet und wiederum zog die Matrone nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren Eltern der Schule wegen nach Copenhagen gethan in's großväterliche Haus. Fast jeden Abend kamen auch die in der Stadt ebenfalls längst vermählten Töchter mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete sich um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie das der Ankunft der gräflichen Geschwister, mit denen Alle von Jugend auf in Verbindung standen, mußte natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen. Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an den Tag zu legen, und die Stunden eilten mit geflügelten Schritten der Nacht entgegen, als ein lautes Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch einen verspäteten Gast verkündete.
Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den weiten Ring, den die Liebe um sie zog, es fehlte Niemand an der gewohnten Stelle.
Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter Diener ein wenig verlegen lächelnd auf die Hausmutter zu, und flüsterte eine, wie es schien, ihr gar befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, bittet nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu verziehen.«
»– Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb wie ein Bauer, halb wie ein Geistlicher gekleidet,« erzählte mittlerweile der junge Heinrich, Alslevs Enkelkind, den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen weißen Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; er muß lange nicht bei uns gewesen sein, denn obschon er nach Großmama fragte, sah er mich für meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor Altersfrost und er hat ein kleines Büchlein mit, das sollte Peter herauftragen, und uns Alle darin lesen lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir nehmen und ihn heraufführen, ihn aber schien die schöne Einrichtung, welche der Herr Graf beim Einzug der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er fragte immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? Den neuen Teppich auf der Treppe getraute er sich kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas zu beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«
»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. »Ja wohl!« – In diesem Augenblicke trat mit freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein, den wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe Euch einen alten Freund,« rief sie fröhlich den Kindern entgegen, »Kund Jürgenssen, der vor fünf und zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien Euch gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen und Saga's aus unserer Vorzeit erzählt, dem guten Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in Island. Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren Vater und ich ein gut Theil jünger, gingen mitunter wohl zu Mummereien, Theatern und Concert; dann saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater und Mutter Euch zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, und wenn wir heimkehrten zu Nacht, lagen die Kleinen in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und waren über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den Ihr sie sprechen gelehrt!«
»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich die Söhne und Töchter des Hauses, stürzten auf den Alten los, ergriffen und drückten seine Hände, er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid Ihr es denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen zu uns, aus Eurem Schnee- und Eiseilande? Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu, in Kjöbenhavn, nicht wahr? Tausend und aber tausend Mal willkommen! Da seht,« rief ein herrlich blühendes junges Weib, Alslevs jüngstes Töchterchen, »da sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen Sagageschichten warten, nun könnt Ihr denen so herrliches Spielwerk schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es wird sie ergötzen, wie vor fünf und zwanzig Jahren uns!«