»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir brachten Euch als Mitgabe in Euer kaltes Land einen warmen Festrock, den wir Euch baten uns zu lieb zu tragen.« –

»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da ist das gute, gar wohl erhaltne Kleid, kennt Ihr es noch?« Und im freudigen Eifer erhob er die Taschenklappen und die Schöße des schwarzen Rockes, zeigte sie jubelnd und jauchzend den Kindern – dichter und dichter umdrängten ihn diese. –

»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, »das gute treue und dankbare Herz! So ein armer Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig Thaler Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet viele, viele Meilen umfaßt!«

Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon wahr,« sagte er, »allein, was braucht man auch des Geldes viel? Immer trägt man doch nicht so gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein sauber Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein Korn darauf, aber ich ziehe doch Kartoffeln, Kohl und herrliches Futter für meine zwei Kühe! Ja, ja Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere weit und breit, – wäre mir nicht die Hausfrau gestorben, wie gar leicht wäre mir das Leben! – Bücher fehlen mir sehr! die sind theuer, denn zu Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften – und das ist die einzige Druckerei, die wir in Island haben!«

»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder. – »Ei nun, seit dem die Stadt Reikiawik erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische! Den Sandhafer, den herrlichen Melia giebt uns Gott, wie einst den Israeliten das Manna, ohne Säen und Pflanzen!«

Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen Manne, der den Kindern vom Tauschhandel auf der Insel selbst und von den »Gnaden Gottes,« wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte, immer eifriger und glückseliger erzählte, da schloß er plötzlich, »ach, was die Natur an Island thut, ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des Herrn, allein die Menschen gönnen es einander nicht und verderben sich gegenseitig das Leben. Als ich im Jahre siebzig zuerst meine Klage vor der geheimen Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für immer!«

»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder; jedes eilte auf den Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche Kunde zu bringen; obschon er vor all den zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort verstand, hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer Pfarrer erkannt. Alslev vergaß nicht leicht, wen er einmal gesehen. »Herzlich willkommen, Ehrwürden!« rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand. »Ihr habt lange uns nicht besucht und findet in und außer dem Hause eine neue Welt, aber immer das nämliche herzliche Willkommen!«

Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch nahm eine ernstere Wendung und ging bald über auf's Allgemeine. –

Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer zu jedem wissenschaftlichen und literarischen Streben, liegt die Insel doch zu sehr außer allem eigentlichen europäischen Lebensinteresse, als daß Nachrichten entfernter Länder leicht sie erreichen sollten. Die Nachrichten der Gegenwart, eben war in Frankreich das Directorium an die Stelle des Convents getreten, Napoleons phänomenartiges Auftauchen aus dem Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung, unfaßlich überwältigend. Er stand noch mit trauernder Seele am Grabe der jungen schönen Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt, und die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn so schmachvoll in Zelle geendet.

Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren Wechsel der riesigen Begebenheiten einer Gegenwart, welche selbst Gott in seinen Himmeln und den blutenden Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer gleichbleibendes individuelles Dasein. Was er am Gerichtshofe Christian VII. durch Struensee's Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath mit sich fort genommen, kam er jetzt zum zweiten Male zu fordern nach Kjöbenhavn; Struensee, der jungen Königin Partei, alle Minister damaliger Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener und fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen Bernstorff am Staatsruder, statt des damals eben seiner Stelle entsetzten trefflichen Mannes, allein es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal nennen gehört! Es übernahm das Alles fast den gealterten Mann, der zuletzt, beide Hände vor das Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der Eindrücke des Augenblicks.