Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine Hand auf seine zitternden, in den ergrauten Haaren wühlenden Finger, »die Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,« sagte sie, »ist es nun nicht wunderschön, daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch in ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs? Höchstens reißt er das irdische Leben mit sich fort, wenn wir uns nur in uns selbst recht fest auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles um Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen am Tage ausgeht, und durch die verödeten Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren Schutthaufen finden und die Brandstätte des Gammel-Holms, – seit drei Monaten liegt ein Viertel unsrer Vaterstadt in Asche, – nun Ehrwürden, ist's nicht wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben so zusammenfallen zu einer grauenhaft erhabenen Ruine, und der winzig kleine Punkt im Universum, der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie dennoch mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr steht mit dem alten Rock, den Ihr vor fünf und zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller Treue wieder hier unter uns, und Eure kleine schwache Brust zeugt von der Ewigkeit, während Alles was Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit zu uns redet!«

Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes mächtig, zog er ihre Hände an seine Lippen. –

Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's Zimmer getretene Christian auf sie, – er fühlte den durch ihre Neigung zu Thorald plötzlich erwachsenden mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte Alslev blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen und Erblühen der von ihm gepflegten Saat. »Sie wird Festigkeit haben wie ihre Mutter, und wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen, sie wird glücklicher sein!« – Die kleine Nordermule aber warf sich innerlich alles vor, was sie ihr erzählt, von der Tante Lieben und Leiden, – »eine Unbesonnenheit wird sie begehen!« sagte sie leise, vorsichtig die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend, daß ja keiner in ihnen lese! der kleinen Bucklichen Seele war stets in siebenfache Schleier gehüllt!

Einer wunderbaren Klage halber war der alte Kund Jürgenssen von Island im späten, schon gefahrdrohenden Herbst nach Copenhagen gekommen. Sein im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes Kirchspiel erstreckte sich an beiden Meerbusen nach Leirar hin, und dann tief landeinwärts über viele einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser weiter. Nun aber gab es bis zum Jahre 1782 auf ganz Island weder Städte, noch Marktflecken, noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den vor Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten gern ihre Gehöfte, die alle aus Lava und Treibholz erbaut, einander glichen wie ein Tropfen Meerwasser dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden, vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen arge Wetterunbill möglichst sicher zu sein.

Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft meilenweit zum entlegenen Gotteshause, ihren Seelsorger predigen zu hören; er war meistens zugleich dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein- und Austritt in ihr mühevolles Sein ihnen treu zur Seite blieb und des Lebens Drangsal ihnen tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn wie sein schwer herniederhängender Himmel, ist der Isländer trübe, schwermüthig, ihn drückt das Leben, seine Freude besteht meist in ernsten Dingen, er singt auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern Snorro Sturlesons Dichtungen und die Edda, und spielt das ernste Königsspiel: Schach! –

Die später allmälig angelegten sechs Handelsstädte, welche noch die einzigen der Eisinsel, bestehen außer Reikiawik, das wohl über sechzig Häuser zählt, auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen und um diese herliegende Packhäuser und Magazine; alle sind einstöckig, niedrig, roth angestrichen, der Wärme wegen oft mit grünem Rasen belegt. Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins, eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben, denn die wilden Orcane gestatten ihn nicht. Unsäglich beschwerlich und dennoch durch seine tief eingreifende Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit durch die menschenöden und dennoch stets bewohnten Districte getragene Kelch des Herrn wirkt dort noch beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und Trauung werden, wenn sie Wochen hindurch bis zum Erstlings-Sonnenstrahl des Frühlings verschoben worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt, so daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird und sein eigener Beruf verklärt vor seinem geistigen Auge sich erhebt.


Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen, orthodoxen Kunds Seele! und dennoch war er angeklagt, hart angeschuldet von dem Probst seines Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals vor das Consistorialgericht des Bisthums Reikiawik gestellt, weil er »aus Trägheit« die Leichen der in seinem Sprengel Verstorbenen unbeerdigt lasse, ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke, ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort vielleicht rastlos umkreisenden Seele, die letzte Gott geweihte Ruhestätte auf dem Kirchhof gönne und durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! – O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint, bei der rauhen Grausamkeit dieser Anklage! – Das Bewahren der Körper im Schnee war eine harte Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen des sehr entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast unmöglich war. Oft war das Leben der Träger beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen, sie versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst treffenden Beschwerde hätte der fromme Mann nicht geachtet, kaum sie erwähnt, obschon er mehrmals durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl seiner stündlich Bedürfender litt darunter!

Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung ward verworfen, schwere Klage gegen ihn im Consistorio erhoben! – Im Gefühl seines guten Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren nach Copenhagen gesegelt. Seiner einfachen Seele war die damalige Aufhebung aller Ministerien und die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung des Geschäftsgangs gewesen, er hatte für den Günstling des Königs geschwärmt und an die wirkliche Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen Rechtfertigung und günstigen Entscheidung seines Prozesses war er damals heimgekehrt; die gänzliche Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene Anklage erweckt, von neuem war ihm aus Reikiawik der Befehl augenblicklicher und wirklicher Bestattung der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. – Allein zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun dem armen Pfarrer der Schnee des Alters gesellt, der sich auf seinem müden Haupte gesammelt, und man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem Clima! Dem Prediger blieb nur die Wahl zwischen freiwilligem Aufgeben seines bisherigen Berufs, oder des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von Copenhagen aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße Schleiertuch der Erde zu hüllen, bis der Frühling das Herz der alten Mutter erwärme, und sie das entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen im Stande.