Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn tödten! sie war seine Liebste, seine Welt! Von Katharina, seiner verstorbenen Ehefrau, hatte er ein holdseliges Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach der unglücklichen Königin) – war die einzige, welche außer der dem öffentlichen Gottesdienst geweihten Stunde den geheiligten Raum mit ihm betreten und Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung der Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares besaßen, ward zur Zier des Altars, der Kanzel, ja des kleinen Chors verwandt. An einem Pfeiler hing ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des »edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre hielt er nur ihn für würdig; während seines ersten, dreimonatlichen Aufenthalts hatte er in der Residenz all seine ihm für das ganze Leben ausreichende Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes Wollen und bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden Begeisterung fortgerissen, sein treuer Sinn bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung.

Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren fremden Züge aus einem beschränkten, fast von jeder Bequemlichkeit entblößten, rein-menschlichen Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den einzig mit den Vermählungsfeierlichkeiten und den Ausstattungen beschäftigten und erfüllten Geschwistern.

Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder durch ihre Frauen in den Taumel der Hoffeste und Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen man Christian VII. fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann und Bernstorff waren nur theilweis im Volk geliebt, im Innern des Staats gab es viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf aus, mit allen auf Dänemark einwirkenden Mächten Frieden zu halten, aber trotz der dabei zu Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ sich eine gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der Verhältnisse kaum bergen. Alle Geschäfte, welche die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder eingeführten Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten in doppelten Sitzungen vorgetragen werden; in der Versammlung beim Erbprinzen Friedrich wurden die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten dem Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos unterschrieb. Das war eine unsäglich betrübte Comödie, und ihre Rückwirkung auf das Volk war es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich, sein beschränkter Geist sah überall böse Dämonen sich drohend gegen sein ihm so theures Vaterland erheben; so lange seine Sache bei Gericht anhängig blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz einfachen und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen desselben, ließen dagegen dem aufgeregten Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen, ja sie steigerten ihren Entschluß, mit Thorald ein von diesen hemmenden Einschränkungen freies Leben zu führen zur entsetzlichsten Pein.

Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine Bahn weiter ziehen; er war in Copenhagen, arbeitete in der noch neuen und unvollständigen Academie, gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte den alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte besuchte, machte das Portrait des kleinen, leider kränklichen Kronprinzen, und war bei jeder einzelnen Nachricht von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des durch Monopole gedrückten Handelstandes nächstens große Umwälzungen herbeiführen, welche dem Charakter und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen. Er selbst war kaum noch ein Däne; der lange Aufenthalt in Italien und Frankreich hatte alle vorspringenden National-Eigenschaften in ihm verwischt.

Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu nichts Glücklichem führen konnten, Alslev und er waren verstimmt, weil sie sich nicht zu gleicher Ansicht zu vereinen vermochten; in sich selbst streng und scharf concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau; er hätte so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht, ihn durch einen glücklichen Wurf Geld und ein den Rang übertragendes Wirken verschafft – Thorald aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende, sorglose Künstlerseele; er war überzeugt, einmal ein unsäglich schönes Bild zu malen, das ihm Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere. Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger Portraits, wurde Mode beim höchsten Adel und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens leise Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er!

Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten, alle den Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche sich der »endlich wieder standesmäßigen Heirathen in der Familie Gejer« erfreute, das große Festmahl, und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten nicht sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am Morgen nach dem Beilager – Alles das war vorüber! Nach den erwiederten Besuchen bei der über halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar, wollten die neuen Ehepaare auf ihre Güter. Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren zwei schwere Caleschen in den Hof – die Neuvermählten waren schon auf ihren Berufswegen, und die Meldung des Besuchs erging an die »Gräfin Gejer!« Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden! Sie wurden zu Eva geführt; welch ein Elend einen Bedienten vom Lande zu haben! der redliche Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit, wie sieben Wartthürme des Mittelalters die anmuthige Eva umgebend, und vermochten kaum das schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß! Tödtlicher Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie, die Hochadeligsten aller Chanoinessen, hatten der »wegen Kränklichkeit« nicht an den Hof gehenden Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis mitzählenden Pseudo-Gräfin, die erste Visite gemacht –


Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie die liebenswürdige, sanfte Eva; sie errieth leicht, daß der hohe Besuch ihrer Schwägerin Helene gälte, deren Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt war, und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein schwebte die kleine Comtesse herein und auf die sieben Wartthürme zu, welche sie sogleich im Flug der zierlichsten Worte umkreis'te, und ihnen zu dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen gelernt zu haben! So leichten Kampfes waren jedoch die empörten Stifts-Damen nicht zu beschwichtigen! Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit hinreißender Anmuth verstand es Helene, jedem Worte, das Eva sprach, volle Geltung zu verschaffen, und deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich unterordnete und sogar den Rang der regierenden Gräfin und verheiratheten Frau in volles Licht setzte. Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche Augen auf – sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche Mark ihres Lebens – und schritten zur Rache! Alle Sieben begannen mit unendlicher Volubilität von lauter kleinen Hofgeschichten und Familienangelegenheiten der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden Personen nur bei Vornamen oder den Spitz-Namen nannten, die man ihnen in jenem Cirkel gab; Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen, und die siegreichen Sieben stellten sich auf solche Weise zu Helenen in intimen Rapport, während sie die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs gewaltsam herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß sie jenem Cirkel der königlichen Familie und des sie eng umgebenden Adels nicht angehöre, obschon sie Christians Titel führe.


Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich ihre Schwägerin mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen, warf nebenbei mit der persönlichen Gunst der verwitweten Königin um sich, als habe sie dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich in fortgesetztem Gespräch den Feind durch eine Menge Anekdoten vom englischen, russischen und schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen civilisirten Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen betäubte, daß ihnen nichts übrig blieb, als die herkömmlichen Stiftsgeschenke an Elixiren, Rosenwasser und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen« in ihre Hände niederzulegen und den formellen Rückzug anzutreten.