Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin auf das Sopha, ein Paar großer Thränen perlten in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu sagen, warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung der so eben hart von ihr angegriffenen Vorurtheile!
Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr fehlte nie etwas anderes, als ihres Christians volle Liebe, wie sie einst sie gekannt und besessen.
Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene zwei Briefe; den ersten an Thorald. Sie bot ihm an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich oder Italien. »All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen angenommener, langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen zu uns überwältigenden Riesen, wenn wir den hiesigen gewohnten Familien- und Gesellschaftsformen ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle Geltung.
So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen und Gewerbefleiß angelegte Academie Ihrem Kunststreben wirklich fördernd genügen kann, eben so wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in welchem wir stets defensiv aufzutreten hätten! – Den ganzen Morgen hindurch habe ich für meine Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen die Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen gekämpft, gegen die armen Mogenstrupps, die am Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben sich mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen Wünschen abgefunden; dennoch habe ich sie und mich mit den spielend geführten Waffen verletzt – verletzen müssen!
O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser Vaterland auf vielleicht zehn, zwölf Jahre zu verlassen, in Frankreich, England, Deutschland – wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein! uns bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten Seelenkräfte einer fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung ausgesetzt bleiben sollen!«
Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der tiefsten, weiblichsten Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie bei einer gemeinschaftlichen Bekannten zu erwarten, bei welcher sie zuweilen sich getroffen.
Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian; es ward abgesandt, als Helene zu jener Freundin gefahren, bei welcher sie Thorald zu finden hoffte. Sie schrieb:
»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest mir, als meinen Widersacher Dich anzusehen, und hast offenbar und insgeheim als solchen Dich mir bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal gleich, sondern die Deinen stärker – dennoch hast Du mir alle mögliche Ehre durch Deine hartnäckigen, unablässigen Angriffe erzeigt. – Vergieb den trüben Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe zu thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber in den letzten Jahren immer unglücklicher geworden, und Thränen, sagt man, machen blind; darum wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und vermöchtest doch höchstens mich zu tödten aus Scherz, nicht aber mich bis zur Regungslosigkeit zu zerdrücken, wie jene Unglückselige, die wir nicht nennen wollen!
Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung eine unbedeutende Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß ich das jüngste Fräulein unseres Hauses bin, und mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung verklausulirten Verheirathung als solchem die zehntausend Thaler Mitgift zufallen, welche die Schwester des Grafen Owen, unsere Großtante, uns ausgesetzt hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache, und der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs Studirzimmer unser Familienbuch, und in diesem die Notiz darüber finden, während Du bei unserer Ankunft Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein Zimmer, und mir und meinem Vertrauen zu entführen für gut fandest. – Ich werde auf diese Summe Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem Mangel schützen, bis es meinem theuren Thorald gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf sein Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu sichern.«