Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen Freundin, bei welcher sie Thorald gesehen! Sie hatte Gelegenheit gefunden ihn zu sprechen, sogar allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt – aber ach! – Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der zärtlichsten Liebe in Blick und Wort dennoch auf das Allerbestimmteste sich geweigert mit ihr zu fliehen! – Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf der Welt oder dem bösen Leumund des Kreises, welchem sie angehöre, preisgäbe,« – war er entschlossen zu halten.

»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen bleiben, wie ich dort am See mich vor ihm als solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst Deinem Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande! Sobald mir möglich sein wird Dir meine Hand zu bieten, wird das Vermögen, welches Du mir zuzubringen gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe ausgesetzt zu sehen, allein nur in unserm Vaterlande, nur öffentlich, vor Deiner Familie und Aller Augen, darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen, als meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen den Willen der Deinen!«

Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal empfangenen Gedanken- und Gefühlsrichtung seines einfachen Charakters ab; sobald Thorald nicht durch äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst herausgetrieben zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte, war er gerade und redlich in allem Thun; er vermochte sein Glück nicht um den verlangten Preis zu erkaufen.

»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf den Schnee Deiner Seele fallen! Nicht Deiner stolzen Familie, nicht Christians Versagen schreckt mich, auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden werde ich Dich einst mein nennen, aber öffentlich, nicht insgeheim. – Sind wir aber einmal verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen, daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue Zelt Italiens über unser Glück hinwölbe, seine klare Sonne freudig uns in's Herz scheine, und wir all den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome vergessen.«


Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester sie trauen werde in Dänemark, ohne Einwilligung des Bruders, welcher nach Landessitte und Brauch Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt.


Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian und Alslev in dessen Studirzimmer auf und nieder; das sorgsam geführte Register aller im Archiv der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im uns wohl bekannten Pergamentbande auf dem Pulte des Advokaten. »Und so,« schloß dieser seinen Bericht, »fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich ihr absichtlich verborgen.«

»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf hinzu, »auch dahinter muß eine Absicht versteckt sein –«

»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt sich ungern vom Augenblick zu Gewaltschritten drängen, und concentrirt auf diese Weise für den Nothfall all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen, daß wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin Gräfin Helenens Rückkehr in's Stift etwas weniger hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt haben würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen jungen Manne die Professur gewährt – sie wäre sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre Pläne sind noch nicht reif!«