»Ah – ich wäre begierig.«

»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu überlassen. Als Volontair muß ich mich selbst erhalten. Sobald ich mich dann selbständig mache, habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine Privatklinik kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. Der ganze Nachlaß unseres Vaters aber würde genügen, mich über Wasser zu halten und mich bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen sich verwirklicht haben. Dann werde ich daran gehen zu sparen und dir das Doppelte von der Summe geben, die Du mir jetzt giebst.« –

»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig Jahre als Stütze der Hausfrau vermiethen, mit der verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit von meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu erhalten, von deren Zinsen ich dann in meinen alten Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde führen können – nicht wahr?«

Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie lachte bitter auf, ihre Wangen glühten, sie war empört über den naiven Egoismus des Bruders.

»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau vermiethen; ich habe eine Versorgung für Dich, die Du nur anzunehmen brauchst, um mein Schicksal günstig und glücklich entscheiden zu können.«

»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem Egoismus, den Du eben offenbart hast, verlange ich nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes. Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du gehst Deinen, dabei bleibt's.«

»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der ärztliche Beruf ist ein freies Gewerbe; der Concurrenzkampf ist rücksichtslos hart. Es ist ein Kampf um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite als Schwester an meiner Seite. Gieb mir die Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen. In fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu mir und sorge für Dich.«

»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke für die Ehre.«

»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, daß die Nachfrage nach jungen Diakonissinnen so außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct aufgefordert, Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses medicinisches Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. Geh hin, laß Dich ausbilden, und tritt dann auch in eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu mir, um mit mir zusammen eine Privatklinik zu gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht. Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, und eine geeignete Persönlichkeit ist nur mit den größten Geldopfern aufzutreiben. Sei meine Verbündete liebe Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen erwerben.«

Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.