»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig vor in Deinem männlichen Egoismus,« spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden, soll mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle singen und Fenster putzen? Jede grobe Arbeit thun, um Christi willen? Die Augen verdrehen, heucheln, dienen – ha, ha, ha, und alles das, damit ich später ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu rufen! Du willst dann der leitende Arzt einer Anstalt sein, Anordnungen treffen, Befehle geben, und ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um Dir – – zu gehorchen!« –

Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, ohne es zu wollen, zu diesem Ausbruch gebracht hatte.

»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche Anordnungen ausführen?« fragte er erstaunt. »Glaubst Du denn als Lehrerin, oder in sonst einem weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln zu können?«

»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten »weiblichen« Beruf wählen werde? Ist nicht der ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein freies Gewerbe – steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«

»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«

Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um blutiges Verbandzeug zu waschen, aber nicht für klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu Handlangerdiensten ist die Frau gerne willkommen, aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin anzusehen, dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«

Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester von ihrer Ueberzeugung der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch niemals ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde sie es am wenigsten thun. Er appellierte deßhalb nur an ihren, wie er wußte, stark entwickelten praktischen Sinn.

»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam, »hat, wie Du vielleicht weißt, bei der größeren Hälfte aller Berliner Aerzte ein Berufseinkommen unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte noch ferner unter den äußeren Lebensbedingungen der höheren Stände weiter leben sollen, so darf dieses Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt werden; giebst Du das zu?«

Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu antworten, zu ihm empor.

»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« fuhr er fort. »Es bleibt mir also demnach nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr als überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche Concurrenz eintritt.«