»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber Berlin ist nicht die Welt, es giebt andere Städte,« sagte sie kurz.
»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder neue junge Concurrent Jahre lang ringen muß, bis er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat. Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, daß grade dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften zu ertragen vermag. Vereinzelt mögen ja auch Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber nur, wenn sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, nur wenn sie Vermögen besitzen.«
»Ich ringe mich durch – auch wenn ich keinen Pfennig hätte – ich fühle den Beruf in mir, ich weiß, daß ich hervorragen kann in dieser Wissenschaft, ich erreiche das Ziel!«
Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht bei diesen energischen Worten verklärte, aber er hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine Person, empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen Beruf. Er hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater wünschte und weil er eben auch keine andere lebhafte Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte dazu der Eifer, wie auch die Begabung. Das einzige Ziel seiner Wünsche war eine sorglose behagliche Existenz, ein sicheres Auskommen – der glühende Ehrgeiz seiner Schwester war ihm unverständlich.
»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an Dich wandte – ich wäre mehr geworden, wie Du.«
Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto sah sie verwundert an. »Und ich?« fragte er. »Ich, der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was hätte ich werden sollen?«
»Handlanger – das was ich jetzt werden soll. Ist denn der einzige Sohn eines Mannes besser, als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter sein kann, wie der Sohn?«
Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage einzugehen. Das Vorrecht des Sohnes vor der Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest stehend, daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. War es je vorgekommen, daß in einer ihm bekannten Familie die Töchter von den Eltern besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als die Söhne – die Vertreter des starken Geschlechtes? Das war nie und nirgend gewesen, nie und nirgend würde es sein. –
»Mein Gott – ich verlange ja nicht, daß Du Diakonissin wirst,« meinte er ausweichend. »Es ist aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, außerdem bietet er eine Altersversorgung. Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet wirst?«
Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war wenigstens gut ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, ich bin häßlich, mein knochiger Körper wird niemals die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Zum Glück sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich erregbar – ich werde nicht geheirathet werden und – – ich werde nicht lieben.«