Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und zu jammern, dieser Frauengestalt gegenüber, die mit stiller Resignation fast heiter sich zwischen ihnen bewegte, zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, mit einer Brodrinde zum Essen.

Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, und Cäcilie Ehrhardt bekam Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche Tochter reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine arme geistige oder körperliche Arbeiterin.

Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium zugelassen zu werden. Ein Beamter der Universität, ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.

»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige statistische Thatsachen aufmerksam zu machen, mein Fräulein,« begann er.

»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«

Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten Bericht des Rectors der Genfer Universität vor, wonach von 215 Frauen, die Medicin studirten, nur 25 es bis zum practischen Arzte gebracht haben und auch von diesen nur wenige zu einer auskömmlichen Praxis.

»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte Herr Schäffer, »in welchem Abgrunde die übrigen 195 gescheitert sind?«

»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete sie kalt.

Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe Gesicht des häßlichen Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt vielleicht seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch gut sein, süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere Wege, um zu etwas zu kommen.«

Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«. Aber Cäcilie Ehrhardt war nicht hübsch, durchaus nicht hübsch.