Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen, fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth – die Nerven, wie sie meinte.

Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. – Liebe – es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen. Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke Mädchen zurück auf das dürftige Bett.

Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt bleiben möchte.

Krankheit – für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. – Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft von einer Krankheit zurück.

Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. – Der machtvoll vorwärts Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.

Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres Besitzes verzehrte, so war sie verloren.

Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen Erwerb fing sie an, besser zu leben.

Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar.

Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen, nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und ausruhn.

»Du sollst den Feiertag heiligen!«