Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen.

Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst operiren durfte, theilte ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der Eisenbahnkönige des Landes zu operiren.

Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte.

Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.

Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner – »Gehülfin« – wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer Dienerin und der Nonne allein.

Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich korrigirt wurde, bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte, die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.

Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt, daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich allein miethen konnte.

Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen.

Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett.

Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast wie Luxus.