Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist.
Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.
Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder, die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche Glück zu vervollkommnen.
Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter dieses Hauses nicht tauschen mögen.
Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer errungenen Erfolges war ihr fremd.
Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht, ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem Temperament vielleicht sogar lästig.
Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen.
Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige, kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten Raffinement gegenüber nicht.
Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter nichts. –
Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen, war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran, daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach situirt sein würde.