Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.

Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben, sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden unter den Armen.

Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet, von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.

Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.

Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte: »Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« –

Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter, für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert hatte.

Und wie litt dieser Mensch! – Es war kaum anzusehen. –

Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt und reich zu werden, um den Aermsten und Elendesten in ihrer Noth helfen zu können.

Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als sie die erste zögernde Anerkennung ihrer operativen Geschicklichkeit, die erste staunende Bewunderung ihrer sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die rücksichtsvollste Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte vielleicht jetzt noch einmal Gelegenheit finden können zu heirathen, so wie im Anfange ihrer Laufbahn, als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um sie warb.

Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die Männer waren ihr so uninteressant, so gleichgültig. – Die Collegen interessirten sie wohl als solche, aber nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür übrig.