Wenn er doch jetzt in Berlin gewesen wäre, er hätte vielleicht in ein Hospital eintreten können, oder bei einem Professor. Wenigstens hätte er doch einige Bekannte gehabt, die ihm vielleicht etwas geborgt hätten, aber hier kannte er niemanden, alle Thüren blieben für ihn verschlossen.
Es wurde Winter. Die Wirthin, bei der er jetzt wohnte, verlangte Vorschuß für Kohlen, sonst weigerte sie sich, sein Zimmer zu heizen. Er konnte doch seine Kranken nicht im Kalten empfangen und untersuchen; so verkaufte er denn, was er entbehren konnte an Wäsche und Kleidungsstücken, und bezahlte Miethe und Kohlen.
Ein Arbeiter, dem er einen Armbruch behandelt hatte, war ihm noch die Bezahlung schuldig. Er ging hin, fand den Mann im Bette und in der Behandlung eines anderen Arztes. Er hatte seinen Arm zu früh wieder gebraucht, die üblen Folgen davon aber schob er auf Doctor Ehrhardts falsche Behandlung, und die Frau wies diesem schimpfend die Thür.
Wenn er etwas haben wolle, sollte er sie nur verklagen, der Doctor Brauer, den man jetzt hätte, der würde schon bezeugen, wie viel Schaden die Fehler der ersten ärztlichen Behandlung ihrem Manne gethan hätten.
Ehrhardt war nicht in der Stimmung, irgend einen Menschen zu verklagen. Er lebte jetzt von der Hand in den Mund. Sein einziger Wunsch war, daß er früh in der Sprechstunde eine Mark einnähme, um mit der Hälfte davon sein Essen zu bezahlen und die andere in seine Wohnungskasse zu legen.
Im Januar bekam er einen Steuerzettel, er sollte angeben, wie viel die Ausübung seines Berufes einbrächte, um nach Maaßgabe dieser Schätzung zu den gesetzlichen Abgaben herangezogen zu werden.
Zuweilen dachte er an seine Schwester Cäcilie. Das freie Gewerbe, bei dessen Ausübung er beinah verhungerte, hatte sie so unwiderstehlich angezogen und gereizt. Sie sah in der Zulassung zu dieser Thätigkeit ein geistiges Ideal. Wie fern war doch für ihn die Wirklichkeit von diesen phantastischen Mädchenträumen geblieben. Aber Cäcilie war ein Weib, wenn sie in Noth kam, so blieb ihr noch immer der Beruf einer Pflegerin, der ihr jede Stunde ein sicheres Brod geben konnte – er dagegen, er konnte doch nicht hingehen und Arbeiter werden.
Er beneidete die Bergleute, die er früh nach ihren Schächten gehen sah. Sie hatten alle ihr sicheres Auskommen. Keiner hatte eine geringere Einnahme als drei Mark jeden Tag.
Er hatte dagegen momentan nichts. Wohl sagte er sich, daß es mit der Zeit wieder anders und besser werden würde; nach und nach würde er bekannt werden und eine Stellung erringen, genau so wie alle seine Collegen am Ort. Er mußte nur warten – aber er konnte nicht warten. Man muß doch leben, während man wartet, und er hatte nichts, wovon er hätte leben können.
Die Redaction einer medicinischen Zeitschrift schickte ihm eine Abonnementseinladung und ein Probeheft ihres Blattes. Mechanisch las er es durch. Unter den Notizen am Schluß fand er die Nachricht, daß Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin, eine sehr bedeutende junge Aerztin, nach mehreren glänzend ausgeführten Operationen an der großen Augen-Klinik der Universität Boston mit festem Gehalt als Assistentin angestellt sei.