Fast schluchzend unterbrach der Unglückliche die lebhafte Rede des als Weiberfeind bekannten Collegen. Er wußte ja ganz genau, daß Dr. Brauer die weiblichen Aerzte als Halbverrückte verachtete – aber darauf kam es doch in diesem Augenblicke nicht an, wenn er nur gab – gab – –

Ganz verblüfft starrte Brauer seinen Besuch an. »Aber, Herr College – verhungern, was für ein Ausdruck, wahrhaftig« –

Er lachte gezwungen, aber es wurde ihm äußerst unbehaglich, als er den verzweifelten Ausdruck in dem bleichen Gesichte des Anderen sah.

»Wenn ich noch einen Groschen hätte, so würde ich nicht« – er stockte, und dann mit grellem Lachen, auf einmal stieß er das Wort aus. »Betteln,« er schrie es förmlich dem Arzte in die Ohren: »betteln, betteln«; es war ihm wie eine Erleichterung in seiner Folterqual, als er es selbst hörte, dieses harte, entsetzliche Wort. –

Er – bettelte.

Dr. Brauer war außerordentlich unangenehm berührt. Eigentlich hatte er dem Collegen sagen wollen, was schon der Kreisphysikus gesagt hatte, daß man etwas für ihn thun werde, ihm Beschäftigung verschaffen, sich erkundigen, über die Sache sprechen, aber jetzt – der Mensch machte ihm ja eine Scene, er bettelte ihn an, da war alles collegiale Entgegenkommen unmöglich – und wie er aussah, wie ein Irrsinniger, man konnte ihn vielleicht gar nicht beschäftigen. – Dr. Brauer empfand nur noch den lebhaften Wunsch, den lästigen Besucher los zu werden.

»Nun, ich will Ihnen wünschen, daß Ihr Fräulein Schwester Sie aus der Verlegenheit rettet, in der Sie sich befinden,« sagte er. Dann schloß er sein Pult auf, nahm Geld heraus und drückte Ehrhardt zwei Goldstücke in die Hand.

Ohne danken zu können, wie ein Betrunkener taumelte der Beschenkte aus dem Zimmer. Er fühlte, daß Thränen ihm heiß in die Augen traten, Brust und Hals waren ihm wie zugeschnürt. Erst auf der Straße fand er seine Besinnung wieder. In seiner krampfhaft geschlossenen Hand befand sich ja Geld, nun konnte er warten – auf Rettung, auf Erlösung warten.

Er war in der nächsten Zeit nicht im Stande, sich mit irgend etwas zu beschäftigen. Er wartete nur, zählte täglich, stündlich, wie viel Geld er noch hatte, berechnete, wie weit es noch reichen würde und wartete im Uebrigen mit unermüdlicher Geduld.

Es war doch ganz unmöglich, daß die auf Cäcilie gesetzte Hoffnung ihn täuschen sollte. Er erinnerte sich an die gemeinsam mit der Schwester verlebte Kindheit im Elternhause. Gutmüthig war Cäcilie nie gewesen, aber sie hatte ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Wer ganz elend und hülflos war, dem strebte sie zu helfen, ohne auf die Schuldfrage des Unglücklichen einzugehn.