Ein Verlangen nach frischer Luft, nach der weiten freien Natur erfüllte ihn plötzlich. So erhob er sich, setzte seinen Hut auf und ging hinaus. Er besaß schon lange keinen Ueberzieher mehr, und dabei war es empfindlich kalt. So schritt er rasch vorwärts aus der Stadt hinaus, immer weiter ins Freie. Die starke Bewegung machte ihn warm. Er ging durch einen vom Rauhfrost glitzernden Forst. Es war eine Stille unter den weißen Bäumen, wie tief in der Nacht. Die Sonne schimmerte und sprühte in all den feenhaften Gebilden, die den Wald erfüllten. Da hing ein Spinnennetz zwischen den Zweigen; wie aus leuchtenden Seidenfäden schien es gestickt, mit Brillantstaub bestreut. Alle Contouren waren gröber als sonst und dadurch erst voll erkennbar in der wunderbaren Schönheit ihrer Linien. Und keiner Linie konnte man folgen; das Funkeln und Leuchten der weißen glitzernden Crystalle that den Augen weh, verwirrte und blendete wie die nackte Schönheit eines menschlichen Leibes.
Als es dunkel wurde, kehrte er langsam zurück in die Stadt. Der lange Spaziergang in der frischen Winterluft hatte ihn hungrig gemacht, der kurze Tag ging zu Ende, man zündete in den Straßen die Laternen an. Ehrhardt erinnerte sich, daß er heute überhaupt noch nichts gegessen hatte. Er besaß kein Geld mehr, zum ersten Male stand er vor dem Hunger.
Er hatte nichts mehr, was er versetzen, was er entbehren konnte. Nichts – – er besann sich, doch, ein weiches seidenes Halstuch. Er hielt darauf, weil er sehr empfindlich gegen Wind war, aber der Hunger fiel ihn an wie ein Fieber. Er war ja doch ein Bettler, wozu brauchte er da noch einen Luxusgegenstand, ein Stück, das geradezu elegant war!
Rasch entschlossen trat er in einen kleinen Laden und verkaufte für zwei Mark das Tuch, welches das Sechsfache gekostet hatte.
Nun hätte er essen können; aber wie er aus dem engen heißen Laden des Althändlers herauskam, traf ein scharfer Windstoß seinen Nacken, dem das warme Tuch fehlte, so daß die Kälte ihn durchschauerte bis ins Mark.
Einige Arbeiter kamen sichtlich heiter mit tief gerötheten Gesichtern aus einem Keller, an dem er vorbeiging. Heiße mit Spiritusgeruch erfüllte Luft strömte aus der Thür, die sie hinter sich schlossen.
Ein Schüttelfrost, der die Glieder des Arztes erfaßte, zwang ihn, in die Destillation einzutreten. Man gab ihm ein Glas Schnaps, so groß wie er es noch nie getrunken hatte; es war dabei so lächerlich billig, daß er sich versucht fühlte, ein Trinkgeld zu geben; aber er sah noch rechtzeitig, daß niemand das that und unterließ es.
Der Schnaps erwärmte ihn und beseitigte das Gefühl des Hungers. Er überlegte, daß er ja nun das Geld, mit dem er seinen Hunger hatte stillen wollen, anderweitig verwenden könnte. Rasch entschlossen trat er in eine Apotheke und kaufte ein Medicament.
Es blieben ihm noch einige kleine Münzen, die er krampfhaft in der Hand hielt.
Halb bewußtlos kehrte er in die Destille zurück und forderte noch einmal Schnaps. Er trank, bis der letzte Groschen, den er in der Hand hielt, vertrunken war.