»Ja, auf die Gefahr hin, daß Sie mich auslachen. Es war ein Genuß für mich, Ihr neues Kinderfräulein zu sehen.«

Ein sehr erstaunter Blick der Geheimräthin suchte das junge Mädchen. »Fräulein Wagner ist vorzüglich gewachsen, sonst aber doch beinahe häßlich zu nennen,« meinte sie dann.

Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden, schwermüthigen Blicke der blühenden Mädchengestalt. »Sehen Sie einmal das glatte, glänzende, natürliche Haar an, gnädige Frau.«

Lydia lachte auf. »Aber bester Doctor, dieses schlichte, glatt zusammengedrehte braune Haar ist doch etwas außerordentlich Gewöhnliches, was finden Sie denn daran so schön?«

»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs bedingt,« antwortete er nachdrücklich. »Ich behaupte durchaus nicht, daß diese junge Person schön sei; ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch und durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische und Kraft umgiebt sie und macht sie reizend.«

»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte noch immer an dem Ernst seiner Worte.

»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,« antwortete er. »Alles, was mich umgiebt, ist krank und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind zum größten Theil überarbeitet und nervös, die meisten Collegen sind noch nicht in den gewissermaßen behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eingetreten, sie arbeiten mit Feuereifer, keiner schont sich. Die entsetzliche Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele von uns bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger, geistiger Anstrengung künstlicher Anregungsmittel. Es vergehen oft Tage, an denen ich factisch keinen einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, – ist es da nicht erklärlich, daß ein solches Bild blühender jungfräulicher Frische und Kraft für mich etwas sehr Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die rothen ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht an Blutarmuth – ah, die ist schön!«

»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von Herzen, lieber Freund. Möchten Sie sich dadurch veranlaßt fühlen, die Villa Bremer nicht mehr so zu vernachlässigen, wie es bisher geschah.«

»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß demnächst Gebrauch machen, gnädige Frau.«

Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick die wachsbleiche Hand der Morphinistin, verbeugte sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ darauf den Garten.