»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand Preyer ist ein so blutarmer Junge, daß er mehr als hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote von zehn Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«

»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«

»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber wenn er den Betrag für die entnommene Waare in die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«

»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«

»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist eine arme Wittwe, zwei Schwestern von Preyer dienen als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und Ferdinand, der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen die Mutter. Drei Kinder gehen noch in die Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist für Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich kaum satt; – es wäre einfach übermenschlich, wenn er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich gönne ihm auch den Verdienst.«

Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast verabredet hatte, Abends um acht Uhr wieder in dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand Preyer zusammenzutreffen. Er versprach ihr den jungen Mann herzubestellen und ihn auf das an ihn gestellte Verlangen vorzubereiten.

Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt hatte, daß der Corridor augenblicklich menschenleer war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe hinab, ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht ziehend.

In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine leere Droschke. Von der Aufregung und Angst aufs äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu einer Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; sie zwang sich, dazu Einkäufe für ihre und der Kinder Toiletten zu machen, um die wild durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse zu überwinden. Es gelang ihr schließlich auch, sich wieder so weit zu fassen, daß sie ihren Kindern und ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie gewöhnlich am Mittagessen theilnehmen konnte.

Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei Tische Veranlassung zu herzlichem Lachen der Eltern wurden und auch heute führten sie wieder die Unterhaltung, ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne lachte, erheblich daran gehindert zu werden.

Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, mit ihr und den Kindern spazieren zu fahren, während der Geheimrath, der später noch in sein Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog.